Der Lebensstil (ein unbewusstes Programm) umfasst sowohl das Selbstkonzept (die Meinung von sich selbst), die Ziele des Individuums (die Vorstellung darüber, was es meint, erreichen zu sollen), die Meinung von der Welt und formt die Verhaltensstrategien, die es für geeignet hält, um von seinem subjektiven Ausgangspunkt zum Zielpunkt zu gelangen.
Also kann man sagen, dass der Lebensstil die Identität eines Menschen ist.
Ziel des Lebensstils
Jeder Mensch erlebt im Kleinkindalter eine Minderwertigkeit. Und jeder Mensch versucht diese erlebte Minderwertigkeit auszugleichen. Dieses Ausgleichen oder – wie manche vom Fach sagen würden – „kompensieren“, nennt Alfred Adler das Streben nach Vollkommenheit.
So nun legt das Kind aufgrund seiner Erfahrungen eine Leitlinie zurecht, wie es das Ziel der Vollkommenheit erreichen könnte. Also ist das Ziel des Lebensstils die Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls. Es ist eine Form der Selbstermächtigung, die einem die Erfahrung schenkt, von der Ohnmacht ins TUN zu kommen.
Was bedeutet das nun für mich?
Nun ja, es bedeutet eigentlich nur, dass du die Ereignisse in deinem Leben nicht verändern kannst. Was du verändern kannst, ist die Bedeutung, die du den Ereignissen gibst. Und die Bedeutung und die Antwort, die du dann auf die Ereignisse gibst, wird durch den Lebensstil bestimmt.
Ereignis in deinem Leben = nicht veränderbar
Bedeutung, die du diesem Ereignis gibst = veränderbar
Wie du Ereignisse deutest = Lebensstil
Wann erkenne ich den Lebensstil?
Der Lebensstil ist bereits bis zum Alter von 4-5 Jahren geprägt. Laut Adler liegt mit den durch den Lebensstil ausgeprägten Verhaltensmustern der individuelle Charakter des Menschen im Wesentlichen fest.
Deutlich wird der Lebensstil, wenn der Mensch einer neuen oder schwierigen Lebenssituation ausgesetzt wird. Generell erfasst ein Individualpsychologe den Lebensstil in einer Krisenbewältigung. Der Lebensstil lässt sich dann durch pädagogische oder psychotherapeutische Korrekturen verändern.
Merkmale des Lebensstils
- ist unbewusst
- sichert vor Unsicherheiten im Leben, da es für ein einheitliches Handeln sorgt
- Der Lebensstil wird von einer Minderwertigkeitssituation entworfen, um sich selbst als Orientierung im Leben zu dienen
- ist individuell
- frühkindlich gebildet
- es geht nicht um Libido
- gibt Geborgenheit
- Zielorientiertheit des Menschen
Grundmuster der Lebensstile
- konstruktiv-aktiver Lebensstil: Dieser Lebensstil lebt die Devise „Ich muss Erfolg haben“.
- konstruktiv-passiver Lebensstil: „Ich muss mich für andere aufopfern“ oder auch „Ich muss liebenswürdig sein.“
- destruktiv-aktiver Lebensstil: „Ich muss mich widersetzen.“ oder „Ich muss es den anderen heimzahlen.“
- destruktiv-passiver Lebensstil: „Ich muss meine Schwäche demonstrieren.“ oder „Ich muss faul sein.“
Mit den Beispielen der jeweiligen Lebensmotten kann man herab leiten, dass sich die Persönlichkeitsentwicklung immer im Zusammen- und Gegenspiel mit der sozialen Umwelt vollzieht.
Für Alfred Adler ist das Kind immer ein aktives, schöpferisches Wesen ist und wird nicht ausschließlich als Produkt der Umwelt betrachtet.
Abschließende Worte
Abschließend kann ich sagen, dass durch dein Leiden ein Ausgangspunkt entsteht, um dich in deiner Gesamtpersönlichkeit zu verstehen und somit unverstandene Zusammenhänge und deine subjektive Meinungen über dich selbst und über die Welt bewusst zu machen.
In einer individualpsychologischen Analyse ist das Ziel der Veränderungsprozess. Es wird an den persönlichen Zielen und an den unbewussten Einstellungen gearbeitet, nicht an den Symptomen. Der Veränderungsprozess geschieht durch die schrittweise Hinführung zum besseren Verstehen seiner selbst in allen Lebensäußerungen, sei es in Beziehung, Beruf oder Gemeinschaft. Spannend oder?
Was denkst du nach diesem Artikel? Denkst du, du könntest deinen Lebensstil einordnen? Lass es mich in den Kommentaren wissen.


Ist es möglich aus seinem Lebensstil „herauszufallen?“
Mein Eindruck ist, dass ich gerade vom üblichen konstruktiv-passiven Stil in den destruktiv-passiven Stil gefallen bin…
Wohin soll die Reise gehen? Und wie sieht ein „runder“ Lebensstil aus? Die vier genannten haben ja alle ihre Mängel bzw eine je einseitige Ausrichtung. Wie sieht denn eine Vielseitigkeit im Lebensstil aus, die mich aus dem Korsett meiner Prägung entlässt? Mein Lebensstil wird mir zunehmend zu eng, davon abzuweichen gefährdet gefühlt aber mein ganzes Selbstbild (ein „guter Mensch“ sein wollen, für andere da sein wollen, mich selbst zurückstellen für das Allgemeinwohl..)
Es liegt ja auch positives darin, nur eben auch Selbsteinschränkungen. Muss es zwangsläufig so sein, dass es schmerzhaft ist entgegen diesem Stil zu handeln?
Oder muss dazu das Selbstbild verändert oder gar aufgelöst werden?
Liebe Denise,
Generell werden Lebensstilanalysen von einem Individualpsychologen in einer Krisenbewältigung gemacht um den IST-Zustand zu analysieren. Da ich deine komplette Geschichte nicht kenne (trotz des Kommentars unter dem Artikel „Was sind die Lebensaufgaben?“), kann ich bezüglich deiner Selbsteinschätzung nichts sagen. Man fällt generell nicht aus seinem Lebensstil, sondern erkennt sie in einer Krise. Du kannst auch beide Anteile in dir haben. Dies zu erkennen ist schon ein großer Schritt.
Der Lebensstil ist komplett individuell, diese reinen Formen sind nicht immer so anzutreffen. Es sind Muster, die zur Orientierung dienen. Dein Lebensstil zeigt dir nur, wie du die Bedeutung der Situationen in deinem Leben formst. Diese Bedeutungen kannst du ändern.
Den Schmerz, den du beschreibst, ist – so vermute ich – dein Versuch die bekannten Bewertungen, umzustrukturieren und sie neu zu bewerten. Unbekanntes, kann und soll wehtun. So schützt sich dein Unbewusstes vor Gefahr.
Das Konzept, was du ansprichst „Sich selbst zurückstellen für das Allgemeinwohl“ ist ein Trugschluss. Denn in dem Allgemeinwohl bist du selbst inbegriffen. D.h. Deine erfüllten Bedürfnisse sind essentiell für das Allgemeinwohl.
Dieser Trugschluss bringt in der natürlichen Konsequenz viele Selbsteinschränkungen- ja das ist wahr.
Dein Selbstbild aufzulösen, ist gar nicht nötig. Dass sich in Krisen und mit der einhergehenden (im Idealfall gesunden) Lösung dieser, dass Selbstbild verändert, gehört zum Prozess und ist erwünscht. Es ist schmerzhaft, denn die ungesunden Anteile in einem, machen sich stark und wollen da bleiben wo sie sind. Sich mit diesen ungesunden Anteilen zu versöhnen, ist – wie ich finde – ein super Anfang.
Ich danke dir für den Kommentar und die Gedankengänge, die du bei mir angestoßen hast. Ich freue mich immer wieder auf so einen regen Austausch. Ich hoffe ich konnte dir etwas mitgeben 🙂