Der Mensch ist ein einheitlich, zielgerichtetes, schöpferisches Individuum, welches in gesundem Zustand in einer positiven, konstruktiven, ethischen Beziehung zu seinen Mitmenschen steht.
Ansbacher et.al (1995): Alfred Adlers Individualpsychologie, Eine systematische Darstellung
Das Gemeinschaftsgefühl nach Alfred Adler ist eines der wichtigsten Begriffe der Individualpsychologie. Er ist vielschichtig, da es eine sozial ausgerichtete Lebensform ist. Er durchdringt alle Bereiche des menschlichen Lebens und kann uns als Leitschnur für unser Handeln dienen. Dieser Artikel soll daher nur als Einleitung in die Begrifflichkeit verstanden werden.
Das individualpsychologische Menschenbild
Für Adler ist es unvorstellbar, jemanden als „Menschen“ zu bezeichnen, der kein Gemeinschaftsgefühl in sich trägt. Also hängt Adlers Menschenbild vom Konzept Gemeinschaftsgefühl ab. Lass mich also diesen erklären:
- Der Mensch ist von Geburt an ein Gemeinschaftswesen.
- Das Gemeinschaftsgefühl ist eine angeborene Fähigkeit und eine soziale Anlage, kann aber aufgrund Erziehungsfehler oder Irrtürmer asoziale, störende und gegen die menschliche Gemeinschaft gerichtete Verhaltensweisen aufzeigen.
- Der Mensch ist also von Geburt an nicht böse, aggressiv und unwillig.
- Der Mensch ist ein leidendes von Minderwertigkeitsgefühl geplagtes Wesen
Menschsein heißt, sich minderwertig fühlen.
Alfred Adler
Definition Gemeinschaftsgefühl
Das Gemeinschaftsgefühl hat verschiedene Aspekte: Es ist eine sozial ausgerichtete Lebensform, die alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdringt. Also ist sie zu verstehen als eine soziale Anlage und eine angeborene Eigenschaft. Die durch die Erziehung entfaltet werden kann und ausgeprägt wird. Oder sie wird durch Erziehungsfehler oder Irrtürmer nicht ausgeprägt und macht Platz für das Machtstreben.
Der Mensch lebt in der Gemeinschaft, denn die Isolation liegt dem Menschen nicht. Für den Säugling haben zum Beispiel die menschliche Beziehungen eine lebenserhaltende Funktion. Zumal das Leben in der Gemeinschaft dem Menschen über Jahrtausende das Überleben gesichert hat. Durch die Gemeinschaft wird auch ein qualitatives Leben gesichert. Zum Beispiel durch Arbeitsaufteilung wird jedem ein Platz in der Gemeinschaft gewährt und der Mensch ist so in der Lage sich und andere zu schützen.
Daher lehnt Adler alle Umgangsformen, die dem Machtstreben statt dem Gemeinschaftsgefühl dienen, ab. Da es einfach gegen seinem Menschenbild steht. Denn solche Umgangsformen vergiften das Zusammenleben der Menschen.
Das Verhalten ist dann gesund, wenn es der Gemeinschaft dient. Da das Gemeinschaftsgefühl alle Komplexe des menschlichen Lebens durchleuchtet, kann sie so als Leitschnur für das Handeln wirken.
Die Logik
Denn er sagt: Der Mensch sucht sich immer den Weg zur Gemeinschaft, sei es z.B. durch geistige oder religiöse Wege. Und diese Wege gehen immer gegen das Streben zur Macht. Was ist die Logik dahinter?
Der Mensch, der soziales Zusammenleben sucht und braucht, erkennt, dass die Herrschsucht enden muss.
Ich habe hier immer Kants kategorischen Imperativ herausgehört.: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Also da ich nicht will, dass jeder wie er mag Macht ausübt und herrschsüchtig ist, da die Folgen für die Allgemeinheit verheerend wären, ist das Streben nach Macht unmoralisch.
Funktionen des Gemeinschaftsgefühls
1. Gegenkraft zum Machtstreben
Vom Minderwertigkeitsgefühl geht das Streben nach Macht aus. Das Gemeinschaftsgefühl wirkt genau hier entgegen dem Minderwertigkeitsgefühl und ist die Gegenkraft zum Machtstreben. Zur Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls ist also ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl notwendig. Diese Überwindung gewährleistet die Charakterentwicklung.
In welchem Grad sich das Gemeinschaftsgefühl entwickelt, liegt in der Erziehung UND dessen Erfahrungen zu mitmenschlichen Beziehungen.
Das Gemeinschaftsgefühl als angeborene Anlage muss durch Erziehung bewusst entwickelt und gefördert werden.
2. Nützlichkeitsbarometer
Der Charakter eines Menschen ist durch sein Maß an Gemeinschaftsgefühl zu erkennen. Der Maßstab ist so angelegt:
Guter Charakter = Handlungen sind „nützlich“
Schlechter Charakter = Handlungen sind „unnützlich“
Also fungieren Handlungen ohne Gemeinschaftsgefühl zur persönlichen Überlegenheit also zum Machtstreben hin.
3. Streben nach Vollkommenheit
Das Gemeinschaftsgefühl führt den Menschen zur „sozial nützlichen Seite“ des Lebens und initiiert ein Streben nach Vollkommenheit. Das Machtstreben hingegen führt den Menschen zur „sozial nützlichen Seite“ des Lebens. Denn da richtet sich das Leben nach dem Verlangen über andere Macht auszuüben. Und genau das wird von Adler als „ungesund/neurotisch/krankhaft“ definiert.
4. Kennzeichen psychischer Gesundheit
Das Gemeinschaftsgefühl ist Kennzeichen psychischer Gesundheit. Sie ist ein fiktives Ziel, welches man anstrebt und sie ist Prophylaxe für psychische Krankheiten. Denn neurotische und krankhafte Attribute in einem Menschen sind dem Mangel an Gemeinschaftsgefühl zu verordnen. Mangel an Gemeinschaftsgefühl bedeutet ein Maß an Minderwertigkeitsgefühl und in seiner Kompensation dann das Machtstreben.
5. Erfüllen der Lebensaufgaben
Das Gemeinschaftsgefühl hat auch eine allgemeine Nützlichkeit: Die Lebensaufgaben sind eine unausweichliche Aufgabe, die nur in der Gemeinschaft gelöst werden kann. Diese Lebensaufgaben machen den Sinn des Lebens aus.
6. Wegbereiter
Das Gemeinschaftsgefühl bereitet der Gesellschaft einen Weg: „ein Streben nach einer Gesellschaftsform“ (dieses Ideal soll die Menschheit laut Adler anstreben). Dies versteht er als ein „Fühlen mit der Gesamtheit sub specia aeternitatis“. Wenn man in tiefer in die Lektüre einttaucht stößt man da auf den von Adler eingeführten Begriff: das kosmische Gemeinschaftsgefühl. Diesen begründet er wie folgt: Der Mensch braucht den Menschen, das ist ein in Natur verankertes Bedürfnis. Der Fortbestand der Menschen ist logisch, daher sollte dem Ideal nach einer Gesellschaftsform ausgerichtet auf das Gemeinschaftsgefühl mit jeder Generation näher gekommen werden.
Und denkst du, wir sind in den letzten 150 Jahren diesem Ideal näher gekommen? Ich würde gerne deine Gedanken zu diesem Konzept hören.


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