Jede Neurose kann als kulturell verfehlter Versuch verstanden werden, sich aus einem Gefühl der Minderwertigkeit zu befreien, um ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen.

Gerald Mackenthun (2012): Gemeinschaftsgefühl*

Um Ostern habe ich über das Thema der Selbstopferung von Jesus Christus nachgedacht. Nach der langen Fastenzeit der Christen wird dann die Auferstehung Jesu als leibhafter göttlicher Beweis gefeiert.

Aus dem Blickwinkel des Christentums finde ich diesen Teil zumindest sehr poetisch. Jesus ist für die Menschen gestorben, und ich denke, dass diese Art von Selbstopferung – wie auch immer sie nun gedeutet oder interpretiert wird – romantisch ist. Ob er nun auferstanden ist oder nicht, was nun richtig ist oder nicht, ist nicht Bestandteil meines Gedankengangs. Sie leitet mich zu der Frage: Ist Selbstopferung immer romantisch?

Nun schwelge ich also in Gedanken an diese historische Gegebenheit und sie inspirierte mich zu der Frage, weshalb du gerade diesen Beitrag liest.

Wie viel soll ich in einer Liebesbeziehung von mir selbst opfern, damit eine gemeinsame Beziehung funktionieren kann?

Um eine Antwort formulieren zu können, betrachten wir den Begriff „sich selbst opfern“ im Kontext der Liebe genauer. Im Ich-bezogenen Universum des schnelllebigen Social Media wird es oft als „sich selbst aufgeben“ übersetzt. Es gibt auch interessante Nischen, in die man manchmal gerät, wenn man spät in der Nacht noch am Handy scrollt (anstatt ein gutes Buch* zu lesen). Diese zelebrieren das „sich selbst aufgeben“ und behaupten, dass keine andere Form es möglich macht, ein Wir zu formen.
 
Nehmen wir an, dass wir das sind, was wir denken, und dass Sprache unser Denken formt. Dann suggeriert uns die moderne Sprache, dass eine Liebesbeziehung (insbesondere eine Ehe) das Ende des Lebens bedeutet. Obwohl Liebe als das bloße Gefühl noch toleriert wird, werden Beziehungen mit zwischenmenschlichen Interaktionen verurteilt.

Dies könnte eine amüsante Lebenseinstellung sein, die besonders auf Instagram und Co. gut aussieht, wenn sie nicht vollkommen neurotisch wäre.
 
Es ist selbsterklärend was alles an dieser Einstellung falsch ist. Stattdessen möchte ich aufzeigen, woher diese Einstellung stammen könnte. Anschließend werden wir uns fragen, wie viel Selbstaufopferung in einer Beziehung angemessen ist.
 

Woher kommt die Anti-Beziehung-Haltung?

Für ein erfülltes Leben sollte auch die Frage der Liebe beantwortet werden. Sie ist die am häufigsten thematisierte Lebensaufgabe von uns Menschen. Der größte Teil des persönlichen Glücks hängt von der Lösung des Liebes- oder Eheproblems ab. Das ist schon ziemlich viel, oder?
 
Bevor ich in die Abgründe abtauche, habe ich zuerst über diese Tatsache sinniert. Unser Glück ist so sehr abhängig von der Beantwortung der Liebesfrage, und die Anti-Beziehungs-Haltung ist ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. In dem Zusammenhang finde ich das sehr heftig.

Wettkampfeinstellung

Nun meine Gedanken über die möglichen Gründe besagter Haltung: Ein Grund könnte sein, dass in der heutigen Gesellschaft die Menschen auf ihre Karriere und ihr eigenes Wohlbefinden konzentriert sind. Bei der exzessiven Wettkampfeinstellung im Beruf bleibt nicht viel Zeit und Energie auch noch in Liebesbelangen Kräfte zu mobilisieren.

Moderne Probleme erfordern moderne Lösungen – und für dieses Problem wurden Tinder & Co. geschaffen. 
Für diejenigen, die nicht damit vertraut sind: Es handelt sich um eine Dating-App, bei der das Wischen nach rechts oder links eines potenziellen Partners aussagt: „Ich mag dich“ oder „Ich mag dich nicht“. Es ist nicht einmal erforderlich, die Energie aufzubringen, um zu sagen: „Ich möchte dich kennenlernen, weil …“ oder „Es tut mir leid, ich möchte dich nicht kennenlernen, weil …“. Wir haben das Zeitalter erreicht, in dem Dating-Plattformen nicht einmal diese formale Höflichkeit von ihren Benutzern verlangen können.

Daher kann man im Allgemeinen sagen, dass der Zeitgeist herrscht, dass die Vorstellung einer lebenslangen Partnerschaft oder Ehe für den Menschen unattraktiv oder sogar einschüchternd sein kann. Was denkst du darüber? Das würde mich sehr interessieren.

Persönlichkeitsentfaltung vs. Partnerschaft

Ein weiterer Grund könnte der wachsende Individualismus in unserer Gesellschaft sein. Die eigene Persönlichkeitsentfaltung steht so sehr im Vordergrund, dass für eine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder Partnerschaft kein Raum mehr bleibt. Interessanterweise ist der Beruf davon nicht betroffen. Dazu aber ein anderes Mal mehr. Daher könnten Individualisten eine romantische Beziehung als Einschränkung oder Ballast empfinden. Aber warum?
 
Da wo das “warum?” gefragt wird, können wir ein wenig Abgründe erforschen.

Die Tiefenpsychologie über die Anti-Beziehung-Haltung

Die tiefenpsychologische Individualpsychologie sagt: Wenn man die Liebe und Ehe als “feindlich und störend” empfindet, sei man vom realen Leben abgebogen. Diese Haltung ist für uns als Mensch realitätsfremd.

Die Liebe und die Ehe wird von ihnen als Fesselung und als Hindernis verstanden. Ebenso wird ein potentieller Liebespartner als so übermächtig empfunden, dass dieser dann eine Gefahr darstellt. Diese Bedeutung die dem Liebespartner gegeben wird und die Machtvollkommenheit wird ebenso als schwere Beleidigung aufgefasst. Also wird im darauffolgenden Zug Abwehr- und Sicherungsbewegungen aktiviert, diese habe ich hier in diesem Artikel unter dem Begriff: Anti-Beziehung-Haltung zusammengefasst. (Alfred Adler (1926): Liebesbeziehungen und deren Störungen)
 

Ist überhaupt ein Opfer in der Liebe nötig?

Manche finden die Selbstopferung essentiell um eine Verbindung aufzubauen und zu pflegen. Man hört es auch im Wortlaut: “in die Beziehung zu investieren”. Die Liebesbeziehung wird wie eine Pflanze gesehen, die mit Zeit, Energie und eigenen Ressourcen gesät wird. Die Blüten/Früchte sind dann die gemeinsame glückliche Zukunft.

Dieses Bildnis ist kein Neues. Mit diesem Bildnis wird klar: Man muss manchmal Dinge tun, die man vielleicht nicht tun würde, wenn man alleine wäre oder sich in einer anderen Art von Beziehung befände. Und da kommt das Selbstopfer ins Spiel.

Wenn wir von diesem Standpunkt weitergehen, muss man im weiteren Zug sagen, dass da ein gesundes Maß herrschen müsste und die Möglichkeit sich selbst gut abzugrenzen. Denn es ist wichtig, dass in der Beziehung die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht aufgegeben werden und man den Raum bekommt, für sich selbst zu sorgen. Wenn man immer nur für den Liebespartner da ist und sich selbst komplett vernachlässigt, kann das auf langer Sicht zu Frustration und Unzufriedenheit führen.

Balance zwischen Selbstopferung und Selbstfürsorge

Dem Gedanken folgend ist also eine gesunde Balance zwischen Selbstopferung und Selbstfürsorge entscheidend für eine nachhaltige Beziehung. Es wäre also auch dem Gemeinschaftsgefühl dienend, wenn man manchmal ein gewisses Maß an Opferbereitschaft zeigt, um gemeinsam in der Liebesfrage voranzukommen.

Es ist ebenso wichtig, dass jeder Partner auf seine eigenen Bedürfnisse achtet und eigene Grenzen respektiert. Eine Beziehung sollte im Idealfall auf Gegenseitigkeit und Gleichheit beruhen. Für den Fortschritt sollte die Kompromissbereitschaft eingesetzt werden.

Für mich bedeutet es keine Selbstopferung, wenn jemand Zeit, Energie und Ressourcen in den Partner und die Beziehung investiert. Diese wäre nicht als Selbstopferung im negativen Sinne zu deuten, sondern wäre ein Zeichen der Hingabe und des Engagements für den Partner und die Beziehung. Sozusagen ein moderner Liebesbeweis. Denn was ist heutzutage kostbarer als Zeit?

Welche Definition von Selbstopferung in der Liebe ist schädlich für die Psyche?

Die Selbstopferung wird als Handlung oder Haltung gesehen, bei der man seine eigenen Bedürfnisse und Interessen bevorzugt des Partners oder der Beziehung aufgibt.

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man sich immer den Wünschen des Partners unterordnet oder seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr kommuniziert, um Konflikte zu vermeiden. Auf längerer Sicht ist dies absolut schädlich für alle 3 Parteien: einem selbst, dem Liebespartner und der Liebesbeziehung. Denn diese Handlungen führen immer zu Frustration, Unzufriedenheit oder sogar Burnout (nicht im klinischen Sinne), wenn man sich ständig selbst vernachlässigt.
 
Konflikte haben so eine Angewohnheit immer an die Oberfläche zu kommen. Man kann sie schwer vermeiden. Die Gefühle Frustration, Ärger, Unsicherheiten. Unzufriedenheit und Unwohlsein zeigen einem eigentlich: “Da ist etwas, was im Konflikt mit dir selbst steht und du ignorierst es.”

Die Praktizierung der Selbstopferung wäre dann am Ende nur eine Form der Verdrängung.

Die Balance zwischen Geben und Nehmen

Es ist wichtig in der Beziehung eine gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen zu finden, bei der beide Partner sich gegenseitig respektieren und aufeinander eingehen. Es ist notwendig, die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu kommunizieren und Kompromisse zu finden, um eine langfristige und nachhaltige Beziehung aufzubauen, damit der Liebesbeweis (Zeit in den Partner investieren) Früchte trägt. 🙂
 
Daher denke ich, dass die Liebe keine Selbstopferung braucht. Denn in einer Beziehung zu nehmen und zu geben gleicht keinem Opfer, sondern IST in der Liebe der Balanceakt der Gleichheit und Gleichwertigkeit.
 

Grade der Selbstopferung

Zeit für Differenzierung! Ich denke, dass es Situationen geben kann, in denen ein Partner bereit ist, eine größere Selbstopferung zu bringen als der andere.

Zum Beispiel, wenn einer der Partner krank ist oder in einer schwierigen Situation steckt, kann es notwendig sein, dass der andere Partner mehr Zeit und Energie investiert, um die Beziehung aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig denke ich, dass es wichtig ist, dass eine solche Selbstopferung von beiden Partnern erkannt und geschätzt wird, und dass es nicht zu einem dauerhaften Ungleichgewicht kommt. Das gestillte Bedürfnis Wertschätzung ist essentiell in jeder Form der Beziehung.

Mögliche Beispiele, in denen eine größere Selbstopferung in einer Beziehung notwendig sein könnte: (Hier sind die Bedürfnisse gemeint, die innerhalb einer Beziehung vom Partner erfüllt werden)

  1. Ein Partner ist schwer krank und benötigt zusätzliche Pflege und Unterstützung. In diesem Fall könnte der andere Partner seine eigenen Bedürfnisse und Interessen vorübergehend hintenanstellen, um dem kranken Partner zu helfen.
  2. Ein Partner hat berufliche oder persönliche Probleme, die ihn sehr belasten. In diesem Fall könnte der andere Partner mehr Zeit und Energie investieren, um den Partner zu unterstützen und ihm bei der Lösung seiner Probleme zu helfen.
  3. Ein Partner befindet sich in einer schwierigen emotionalen Phase, wie beispielsweise nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder einer Trennung. In diesem Fall könnte der andere Partner seine eigenen Bedürfnisse und Interessen zurückstellen, um dem Partner Trost und Unterstützung zu geben.
  4. Ein Partner ist aufgrund eines zeitlichen Engpasses oder einer besonderen Herausforderung im Alltag überfordert. In diesem Fall könnte der andere Partner mehr Zeit und Energie investieren, um die Aufgaben zu bewältigen und den Partner zu entlasten.

 

Diese Situationen erfordern eine größere Selbstopferung, aber es ist wichtig zu betonen, dass dies in der Regel vorübergehende Situationen sind und dass beide Partner gemeinsam daran arbeiten sollten, das Gleichgewicht in der Beziehung wieder herzustellen.

Fazit

Das Wort Opfer ist religiösen Ursprungs. Man opferte in der Antike Jungfrauen für die Tempelgötter, man glaubte so die Gunst der Götter für sich zu bekommen. Den Glauben dem Altar etwas zu opfern für die angebeteten Götter gibt es heute auch. Durch ein Opfer kann eine Gottheit gehuldigt werden, oder ihr Zorn gestillt werden. Ebenfalls kann ein Opfer Dank oder Buße ausdrücken.

Der Kreuztod Jesu Christi wird im Christentum als Opfer Gottes gedeutet. Entweder um die Gewalt des Bösen zu besiegen oder für die Sünden der Menschen – je nach Auffassung.

Für mich bedeutet „Opfer“ oder „opfern“: man gibt freiwillig etwas (wertvolles) ab mit der Prämisse etwas dafür zu bekommen. Sei es nun Hoffnung, Glaubensstärkung, Gottes Gunst etc.

Auch in der Liebe kann man sich von einer solchen Selbstaufopferung etwas versprechen: sich nicht allein zu fühlen. Daher finde ich ist die Selbstopferung wie sie in Beziehungen ausgelebt wird, eigentlich einen egoistischen Gedanken, der dem Gemeinschaftsgefühl nicht dienlich ist.

Ein funktionierendes Wir zu formen, bedarf die Grundlagen der Gleichwertigkeit. Es bedarf keines Opfers, sondern beide Parteien in der Liebesbeziehung sollen voneinander schöpfen können. So handelt man auch im Sinne des Gemeinschaftsgefühls. 

Des Weiteren ist jedes Individuum für seine Bedürfnisse selbst verantwortlich. Ich sehe es so: Hat der Partner keine Zeit, aufgrund hohem Arbeitspensum und ich habe das Bedürfnis nach Verbundenheit. Mein Bedürfnis = meine Verantwortung. Das heißt eigentlich nur: Ich kümmere mich darum, wie ich mein Bedürfnis nach Verbundenheit erfülle. Mögliche Strategien wären: Treffen mit engen Freunden, einem Herzensprojekt folgen (innere Verbundenheit mit sich selbst) oder einem Hobby nachgehen (sei es Film schauen, Buch lesen oder Sport).

Ich persönlich mache in stiller Handarbeit Waldorfpuppen, um in Verbindung mit mir zu kommen und Stress abzubauen.

Kümmere dich – mit Beziehung oder ohne – bitte immer gut um dich.

Was denkst du darüber? Denkst du in der Liebe sollte Selbstopferung ein Thema sein oder ist das selbstverständlich für dich? Es gibt viele Fragen rund um dieses Thema, die sehr spannend sind. Welche weiteren fallen dir ein? 

Bis zum nächsten Mal,

Merve

Meine Buchempfehlung*


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  • Ich finde den Beitrag sehr interessant.. Muss gestehen, dass ich mir diese Frage sehr oft selbst gestellt habe. In unserer heutigen Zeit wird einem schnell das Gefühl gegeben, dass gesunde Kompromisse in einer Beziehung schon eine Art „Selbstopferung“ darstellen. Stets wird das „Ich“ in den Vordergrund gezogen.. Da fragt man sich manchmal selbst, ob das Opfern innerhalb der Beziehung etwas Negatives darstellt.

  • Ich frage mich, wie man vorgeht, wenn nur eine Seite in der Beziehung gibt? Und das durchgehend? Wie geht man dann vor? Beendet man einfach die Beziehung? Ihre Gedanken würden mich interessieren.

    • Erstmal danke, dass du deine Gedanken so offen mit mir teilst. Ich denke, dass man auf das Beenden einer Beziehung keine allgemeingültige Antwort geben kann. Jede Beziehung ist für sich ein eigenes System, das man sich individuell anschauen muss. Was man sagen kann ist, wenn eine Seite das Gefühl des ständigen Gebens hat, sollte man sich das genauer anschauen. Krisen können bereichernd sein, da man in ihnen den eigenen Lebensstil leichter erkennen kann. Dadurch hätte man die Chance als ständiger Geber in der Beziehung ebenfalls von ihr zu schöpfen. Das ist alles sehr spannend, weil es jeden Menschen belangt 🙂

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