Innere Unruhe ist in meinem Bekanntenkreis der am meisten nachgefragte psychische und physische Zustand. Es scheint, als ob die innere Unruhe nur in uns zur Ruhe kommt.
Da die innere Unruhe die Fähigkeit hat, dich völlig aus der Bahn zu werfen und buchstäblich von dir Besitz zu ergreifen, will ich in diesem Artikel genauer hinschauen und herausfinden, was dir deine innere Unruhe sagen will.
Die innere Unruhe
Was ist innere Unruhe? Innere Unruhe ist ein Zustand innerer Anspannung, der einem Angstzustand sehr ähnlich ist.
Sie kann sich auch in körperlichen Symptomen äußern, wie z.B:
- Kopfschmerzen
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Hitzewallungen
- Krämpfe
- Herzrasen
- vermehrtes Schaudern
- manche nennen eine mulmige körperliche Unausgeglichenheit
- Schweißausbrüche
- Unbehagen, Nervosität
- unkontrolliertes Schluchzen
- die eigene Stimme wird (unbewusst) lauter
- Schlafstörungen
Oft gibt es keinen eindeutigen äußeren Grund. Der Grund ist also nicht immer sofort ersichtlich.
Der Ursprung
Alfred Adler sah in der inneren Unruhe ein Zeichen dafür, dass sich der Mensch in einem Zustand der Minderwertigkeit befindet.
Die innere Unruhe ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch sein Minderwertigkeitsgefühl durch etwas Nützliches, nämlich durch das Gemeinschaftsgefühl, kompensieren will.
Ursachen der inneren Unruhe – eine Theorie
Jetzt eine Theorie: Ich nehme Gabriella, sie ist 25 Jahre alt und muss sich auf ihr Staatsexamen vorbereiten. Sie ist die erste Frau in ihrer Familie, die studiert, und jetzt steht sie kurz davor, ihr Studium abzuschließen.
Sie verspürt eine innere Unruhe, die durch die schmerzhafte Trennung von ihrer ersten Liebe noch verstärkt wird, kann sich nicht konzentrieren, hat Kopfschmerzen und leidet unter Schlaflosigkeit.
Ich gehe davon aus, dass Gabriella sich vor allem in zwei Lebensbereichen – Beruf/Studium und Familie – minderwertig fühlt. Diese Minderwertigkeit als Frau hat sie unbewusst als „bekannt“ abgespeichert.
Die Minderwertigkeit als Frau im Beruf wurde Gabriella von den Frauen in ihrer Familie vorgelebt. Im klassischen Rollenbild wurde ihr nur vermittelt, dass eine Frau sich zu Hause um die Kinder und den Haushalt kümmert und eine liebevolle Ehefrau ist. Dieses Frauenbild blieb für sie bis zur Trennung bestehen, mit der Überzeugung: „Ich kann Studium und Beziehung miteinander verbinden.“
(Randnotiz: Diese Motivation geht aus dem Geltungsstreben – auch Machtstreben genannt – hervor. Adler sieht den Ursprung des Geltungsstrebens im Minderwertigkeitsgefühl.)
Nach der Trennung musste sie sich mit ihrer Realität konfrontieren, ihr bleibt nur noch ein anderes Rollenbild, als das ihr Bekannte.
Das „logisch“ Nützliche schreit im Hintergrund und sagt: „Gabriella, das ist DEINE Chance! Jetzt kannst du dich auf deinen Beruf konzentrieren und in deinem Lebensbereich Beruf voll aufgehen und dein Gemeinschaftsgefühl entfalten! Go Girl!“
Nun, so funktioniert das nicht immer. Und ich kann auch sagen, warum es bei Gabriella gerade nicht funktioniert.
Sie hat den Wunsch nach Gleichwertigkeit, Gemeinschaft und Autonomie. Das ist eine gute Basis, auf der man arbeiten kann. Nur leider kann Gabriella mit diesen Wünschen gar nichts anfangen.
Sie weiß nicht, wie sie als Frau gleichberechtigt sein soll, wie sie selbstbestimmt sein soll. Und das macht ihr unheimlich Angst.
Meine Theorie kurz zusammengefasst
Gabriella befindet sich also in der Minderwertigkeit (ihrem Ist-Zustand). Dieser Ist-Zustand ist ihr aufgrund ihrer Erfahrungen und Bewertungen ihrer Kindheit und Jugend bekannt.
Es ist ein Gemeinschaftsgedanke, ihren Beruf selbständig auszuüben und sich der Liebe wieder zu öffnen. Diese ist ihr aber bisher unbekannt.
Ihre innere Unruhe entsteht also aus dem Wunsch, aus der Minderwertigkeit in das Gemeinschaftsdenken zu gelangen.

Jetzt habe ich so viel über die innere Unruhe theoretisiert, soll ich sie jetzt zu Wort kommen lassen?
Wenn die innere Unruhe auch mal was sagen darf…
Ich: Warum sitzt du auf meiner Couch?
Innere Unruhe: Ich bin hier, weil die Angst vor dem Unbekannten über dir schwebt. Deshalb schicke ich dir all diese körperlichen Symptome, damit du den Ernst der Lage erkennst, Fräulein.
Ich: Du bist also für meine Anspannung, meine Unausgeglichenheit und mein Unwohlsein verantwortlich?
Innere Unruhe: Yep. Richtig erkannt. Bei all deinem Stress, deinen Sorgen und deinen Belastungen solltest du dich nicht wundern, dass ich hier bin. Ich könnte den Eindruck gewinnen, dass ich dir gar nicht willkommen bin! (Empört!)
Ich: Nein, nein… Das habe ich sicher nicht so gemeint. Ich will es nur verstehen. Ich möchte wissen, warum du hier bist innere Unruhe?
Innere Unruhe: Du hast die Kontrolle über dich und dein Leben verloren, Fräulein. Ich beschütze dich. Hallooo? Diesem „Bewusstsein“ muss man auch noch alles kleinlich erklären, meine Güte! Ein Dankeschön wäre jetzt angebracht.
Ich: Äh, danke? Aber ich kann doch selber denken und entscheiden!
Innere Unruhe: Das würde ich Dir ja glauben, aber mit deinem „gesunden“ oder sollte ich sagen „kaputten“ Menschenverstand und deinen Entscheidungen sind wir überhaupt erst so weit gekommen. Deshalb habe ich übernommen. Wehe, du gehst von hier weg. Hier sind wir sicher.
Ich: Habe ich wieder etwas verpasst? Bin ich in Gefahr?
Innere Unruhe: Nun, das Leben ist maximal lebensbedrohlich. Du hast die Kontrolle über dein Leben verloren. Tröstlicher Gedanke, Kontrollverlust ist ein kontrollierbarer und ablenkender Zustand. Damit kann ich arbeiten. Und da bleiben wir jetzt.
*Angstschauder hat sich neben innere Unruhe gesellt.*
Ich: Von welcher Bedrohung sprichst du jetzt schon wieder? Und danke Angstschauder, das kalte Gefühl ist gerade bei mir angekommen. Entweder wird es jetzt richtig gruselig oder du willst die innere Unruhe unterstreichen.
Angstschauder (ehrfürchtig und leise): Langsam begreifst du den Ernst der Lage.
Innere Unruhe: Spürst du, wie sich deine Kehle zuschnürt? Das sind meine Warnungen. Traue diesem Leben nicht, vergiss den Fluss des Lebens, es gibt so vieles, was wir nicht wissen, was aber existiert.
Ich (leise, voller Angst): Was für Dinge?
Innere Unruhe: Der Tod…
Ich: Innere Unruhe, der Tod ist doch eine sichere Tatsache, das kann auch Sicherheit geben. Weißt du, Angst kann man in jeder Situation haben, das ist so willkürlich.
Innere Unruhe: Jetzt habe ich dich wieder verloren…
Ich: Ich bin das, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Du bist also da, weil ich meine Aufmerksamkeit gerade auf alle möglichen rationalen und irrationalen Ängste lenke.
Innere Unruhe: Du willst mich loswerden. (resigniert)
Ich: Ich habe eher an einen ruhigen Ruhestand gedacht, liebe Unruhe. Denn ich glaube fest daran, dass sich alles – auch wenn mir das Unbekannte Angst macht – zu meinem Besten wenden wird. Mit der Angst vor dem Tod, daran kann ich arbeiten.
*Angstschauer schleicht sich langsam aus der Tür*
Innere Unruhe: Oh Mann…
Ende gut? (un-)Ruhig Blut?
Ich hatte wirklich Schwierigkeiten mit der inneren Unruhe, hast du das gemerkt? Sie zieht einen sehr in ihren Bann und ihre irrationalen Ängste und Argumentationen mit Sondereffekten wie Unwohlsein, Schüttelfrost, Kältegefühl und Schlaflosigkeit sind irgendwie genial.
Sie sind der Katastrophenschutz des psychischen Systems. Manche Menschen haben diesen Katastrophenschutz in Form von innerer Unruhe nicht, da springen andere Mitarbeiter ein :).
Aber wenn die innere Unruhe auf deiner Couch sitzt, dann überlege, warum sie da ist. Die folgenden Fragen können dir vielleicht helfen, die innere Unruhe besser zu verstehen:
- Wovor habe ich Angst?
- Was wünsche ich mir jetzt in meinem Leben, was ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht kenne?
- Habe ich Angst vor dem Tod?
- Fühle ich mich gesellschaftlich nicht anerkannt?
- Ist mir „die Welt auf den Kopf gefallen“?
- Fordert mich mein IST-Zustand heraus, meine inneren Überzeugungen zu verändern?
- Was ist mir gerade unbekannt?
Jetzt will ich es wissen: Was könnte die innere Unruhe noch bedeuten? Kennst du jemanden, der die oben genannten Symptome hat? Bitte schreibe deine Gedanken in die Kommentare.
Zum Schluss möchte ich noch sagen: Wenn du über einen längeren Zeitraum eine innere Unruhe verspürst und dir die Denkanstöße in diesem Artikel nicht weitergeholfen haben, dann suche dir professionelle Hilfe – zum Beispiel in Form einer Psychotherapie – oder auch das Sorgentelefon kann dir weiterhelfen. Diese innere Unruhe muss dich nicht immer begleiten.


Ich muss gestehen, ich habe mich selbst in diesem Artikel wieder erkannt. Es gibt manchmal Momente, da ist mein Herz aus dem nichts beklemmt und ich werde das Gefühl nicht los. Durch Deine Worte und auch den Dialog mit dem „innere Unruhe“ habe ich besser verstanden, woher dieses Gefühl kommt. Ich merke, dass mein IST-Zustand mich definitiv unglücklich macht und ich in Arbeit versinke, damit ich mich mit dem Zustand nicht beschäftigen muss. „Angst vor dem Unbekannten“ eben.
Was wäre Dein Ratschlag, wenn man das Gefühl hat der IST-Zustand lässt sich nicht ändern?
Zuerst einmal danke für deine Offenheit und das positive Feedback.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein IST-Zustand dich unglücklich macht und sich nicht ändern lässt, klingt das nach viel innerer Anspannung. Steckt vielleicht ein anderes Gefühl hinter dem Unglücklichsein?
Schau dir deine inneren Überzeugungen an und schreibe deinen IST-Zustand objektiv auf (wie mit einer Kamera). Wo ist der Konflikt in dir?
Alles, was du nicht kontrollieren kannst (das Wetter, deine Mitmenschen, die Börse usw.), akzeptierst du so, wie es ist.
Durch deine Reflexion kannst du Klarheit darüber gewinnen, was du beeinflussen kannst.
Das ist ein schwierigeres Thema. Wenn du das Gefühl hast, dass es dich überfordert, kann ein Gespräch mit einem Unbeteiligten als erster Schritt hilfreich sein. Der Austausch mit jemand Unbeteiligtem kann aufschlussreich und unterstützend sein.
Sollte dies nicht der Fall sein, empfehle ich dringend, professionelle Hilfe, z.B. in Form einer Psychotherapie, in Anspruch zu nehmen.
Alles Gute wünsche ich dir Sandra,
Bis zum nächsten Mal!