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Neurose ist der Begriff, der sich durch alle psychologischen Schriften zieht. Sie ist fast schon ein alltäglicher Begriff.

Ich hatte von diesem Begriff bis zu meinem Studiumsanfang nicht wirklich viel gehört. Es war selbstredend, dass jeder wusste was eine Neurose ist. Also setzte ich mich hin und las alle möglichen Schriften was es zur „Neurose“ gab, um mein Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden, das war schlicht nicht auszuhalten, nicht zu wissen über was die anderen sprachen.

Dieser Artikel basiert auf meinen alten Notizen aus meiner Studienzeit. Klar kristallisierte sich für mich die Individualpsychologie von allen Schulen als Favorit heraus – da kann ich nicht bescheiden sein.

Um den Artikel kurz zu halten, erkläre ich die Neurose aus der individualpsychologischen Sicht.

Was ist die Neurose?

Die Neurose ist laut Rudolf Dreikurs (Schüler Alfred Adlers) ein Konflikt zwischen Wollen und Handeln. Also ist ein Neurotiker, jemand der einen inneren Widerspruch erlebt und für das nicht-Nachkommen der Lebensaufgaben stets Ausreden benutzt.

Diese Ausreden können vielfältig aussehen. Symptome sind eine Sicherung. – Also ist das eigene Scheitern im Leben stets schuld von irgendjemanden oder irgendetwas.

Wie man sich nicht anders denken kann, heißt es also, dass neurotische Tendenzen sich auf der unnützlichen Seite des Lebens befinden. Sich gegen das Gemeinschaftsgefühl hin zum Minderwertigkeitsgefühl und zum Macht- und Geltungsstreben bewegen (Je nach Grad der Neurose).

Die empfundene Wertlosigkeit wird durch Sicherungstendenzen gesichert und ist ebenfalls je nach Grad der Neurose hochgradig übersteigert.

Wann treten Neurosen auf?

Neurosen treten dann auf, wenn der Neurotiker vor den Prüfungen des Lebens ausweichen will. Das Ausweichen passiert eigentlich nur, weil der Bald-Neurotiker nicht genug vorbereitet wurde auf die Lebensfragen, weshalb er sich dem nicht gewachsen fühlt. Das Motiv hinter dem Nicht-die-Lebensaufgaben-Antreten wollen, ist, den Druck der eigenen Wertlosigkeit abzubauen.

Wenn der Mensch sich vor einer drohenden Niederlage (in Liebe, Beruf & Gemeinschaft) oder einem Verlust seines Persönlichkeitsgefühls fürchtet, und dann die Sicherung wählt, entsteht eine Spannung (Adler nennt es „seelische Erregung“) und diese produziert körperliche oder psychische Symptome. Somit gelingt dem neurotisch gehandelten Menschen der Rückzug aus der Verantwortlichkeit.

Objektiv betrachtet ist das eigentlich komplett kontraproduktiv. Aber auf der anderen Seite – denke ich mir – ist die Entstehung der Neurose doch ziemlich faszinierend: Der Mensch nimmt soviel komplizierten Prozesse und Leiden auf sich um KEIN Mitmensch zu sein. Es ist definitiv schöpferisch.

Also ein in Mitmenschlichkeit, Liebe und Gemeinschaft lebender Mensch erlebt keinerlei dieser Spannungen. Was wiedermal für das Gemeinschaftsgefühl spricht.

Was ist die Neurose?

Weil man krank ist, hält man sich nicht für befreit von Verpflichtungen anderen gegenüber, im Berufe, in der Liebe, sondern man kann auch von der Umgebung mehr Rücksicht, mehr Entgegenkommen, mehr Beitragsleistungen verlangen.

Rudolf Dreikurs „Individualpsychologische Begriffe“

Also irgendwie fungiert die Neurose und all die Symptome, die entwickelt, dass der Mensch sich einen Freifahrtschein vor seinen Mitmenschen erschafft, um sich vor seiner Verantwortung, der Lösung seiner Lebensaufgaben, zu drücken.

Dies wird in vielen psychologischen Schriften auch als „der Krankheitsgewinn“ bezeichnet. Dreikurs sagt dazu „Das Gefühl eigenen Leides ermöglicht es ihm, sein eigenes Interesse an der Krankheit zu verdecken.“

Es kann verwirrend sein, denn wer mag schon leiden – körperlich sowie psychisch? Nun für viele Neurotiker ist das subjektive Leid viel erträglicher als die normale soziale Ordnung. Es ist sich das Fügen in diese soziale Ordnung, mit seinen sozialen Spielregeln und seinem Gerüst, das dem Neurotiker mehr innere Leiden erzeugt, als seine eigenst entwickelten Symptome und Leidenssysteme.

Die Antwort auf deine Frage: „Aber warum?“ kannst du in dem lila Darstellungsbild „Die Neurose“ entnehmen.

Warum werden manche Menschen nie neurotisch?

Es gibt in unserer Gesellschaft wenige Menschen, die keine neurotischen Tendenzen haben. Kann man die Welt der psychischen Gesundheit in Neurotisch und nicht-Neurotisch trennen?

Rudolf Dreikurs trennt zwischen 1. Psychotiker 2. Kriminelle 3. Neurotiker. 4. Der Rest.

Der Psychotiker ersetzt die Regeln und Gebote der Umwelt durch die Wahnvorstellungen seiner eigenen subjektiven Logik.

Der Kriminelle erkennt diese Regeln und Gebote der Umwelt gar nicht an :D.

Der Neurotiker hingegen – wie schon oben erwähnt – befindet sich im Konflikt zwischen seinem Wollen und Handeln.

Der Rest sind die Menschen, die immer im Sinne des Gemeinschaftsgefühls handeln und ihr Lebensplan angelehnt an der Realität ist und sich kein Widerspruch in ihrem Wollen und Handeln ereignet. Sie sind voller Mitmenschlichkeit und im Kontakt mit sich und ihrer Umwelt.

Dreikurs merkt an, dass diese Menschen manchmal vom Leben früh einer schwierigen Prüfung gezogen wurden und somit sie die Grenzen ihres Gemeinschaftsgefühls früher erlebten.

Somit eröffnet sich für Kategorie 3 Neurotiker ein Lichtblick: Schwierigkeiten im Leben muss nicht zwingend die Symptome der Neurose verschlimmern, im Gegenteil führen Schwierigkeiten im Leben oft zu einer Verbesserung der Symptome. Denn dann können die Schwierigkeiten per se als Ausrede der mangelnden Leistungsfähigkeit dienen.

Warum ist das ein Lichtblick, denkst du dir? Oft suchen Menschen genau in solchen schwierigen Situationen professionelle Hilfe – z.B. in Form einer Psychotherapie – auf.

Wie können Neurosen aussehen/Formen der Neurose

Wie eine Neurose entsteht und was genau sie ist, weißt du nun. An dieser Stelle könnte dir die Frage aufkommen (so wars als Studentin jedenfalls bei mir), wenn man nur einmal den Rückzug wählt, ist man dann Neurotiker? Nein, so ist es nicht. Bleiben die neurotischen Handlungen nur Einzelfälle und der einzige Leidensdruck ist das schlechte Gewissen, kann man nicht von einem Neurotiker sprechen.

Doch wenn sie andauern, spricht Adler von funktionellen Organneurosen. Das sind Neurosen, die um sich vor den Verantwortungen des Lebens zu entziehen, körperliche oder seelische Symptome sichern. Mit Organneurosen deutet Alfred Adler auf auf die Psychosomatik, was schon ziemlich cool ist fürs 20. Jahrhundert.

Ein Neurotiker ist immer auf Spannung. Mit dieser Spannung zusammen entwickelt jeder Neurotiker individuell Symptome. Die sind so verschieden, wie wir Menschen es eben auch sind. Und einmal ein Symptom entwickelt, erhöht dieses Symptom natürlich die innere Spannung – ergo neue Symptome können folgen.

Die Spannung entwickelt sich ursprünglich in dem Kampf mit dem Mitmenschen. So erwächst aus dem Trotz und der Auflehnung gegen die Notwendigkeit des Lebens, vor allem aber aus der Angst vor Blamage und Versagen.

Rudolf Dreikurs

Man kann grob die Symptome in 3 große Symptomgruppen zusammenfassen:

  1. Gefühle
    • Furcht & Ängstlichkeit (in allen Phobien, Angst vor Tod, Krankheit etc.)
    • Depression
    • Wutausbrüche
    • Sorgen
    • Reizbarkeit
  2. Denkprozesse
    • Zwangsneurosen
    • Gedanken, die nicht weggehen
    • Unfähigkeit des Denkens/ Konzentration/ Mangel an Gedächtnis
  3. organische Funktionen
    • Hysterische Störungen
    • Krämpfe & Lähmungen
    • Blindheit & Taubheit
    • alle möglichen Schmerzen
    • Müdigkeit & Schlaflosigkeit
    • sexuelle Erregung oder das Gegenteil

Wahl der neurotischen Symptome

Nun wie die Symptome vom Neurotiker ausgesucht werden, hat nichts mit der Einschätzung zutun, ob der Neurotiker ein Symptom leichter entwickeln kann oder nicht. Unbewusst greift der Neurotiker auf das Symptom zurück, was sich für seine Entschuldigungen und Ausreden am besten eignet.

Jedes Symptom hat das Ziel sich entweder gegen einen Mitmensch oder gegen eine Aufgabe des Lebens zu richten.

Nehmen wir zur Veranschaulichung das Beispiel: Symptome eines Schülers gegenüber seiner Lebensaufgabe Schule/Beruf

Der Zufall und das Umfeld bringen auch super Inspiration für Symptome. Also entspringen diese Symptome nicht immer aus einem selbst, sondern werden sich einfach abgeschaut (also „erlernt“). Die häufigsten erlernten Symptome sind:

  • Schlaflosigkeit „Ich habe verschlafen, weil ich gestern noch für das gemeinschaftliche Schulprojekt länger wach war.“
  • Vergesslichkeit „Ich habe die Hausaufgaben vergessen, weil meine Oma einen Herzinfarkt hatte.“
  • mangelnde Konzentrationsfähigkeit „Ich konnte mich nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren, weil mein Baby Geschwisterkind den ganzen Tag geschrien hat.“
  • Kopfschmerzen
  • Angstzustände „Prüfungsangst“

Zwangsneurosen

Das was die Individualpsychologie damals als Zwangsneurosen bezeichnete, sind heute das im ICD-11 gekennzeichnete psychische Krankheitsbild: Zwangsstörung. Unter Zwangsstörung sind alle immer wieder sich aufdrängenden nicht verdrängbaren/ unterdrückbaren Gedanken & Handlungen gemeint. Zum Beispiel: Der Waschzwang.

Das war ein kurzer Trailer für das psychische Krankheitsbild der Zwangsstörung. Dazu kommt ein separater Artikel, in meiner Psychiatrie 101- Reihe 🙂

Ursprung der Neurose

Adler sagt ganz klar, dass der Ursprung der Neurose im Minderwertigkeitsgefühl und einem Gemeinschaftsproblem liegt. Die Grundemotion, die in der Neurose mitschwingt ist Furcht und Angst – und formt so den Ton der neurotischen Einstellung im Leben.

Jeder Mensch hat Angst vor einer Niederlage. Der Neurotiker wählt bewusst oder unbewusst den Weg sich von der Niederlage zu sichern, indem es einfach sich der Verantwortung entzieht mutig gegenüber einer Herausforderung seines Lebens zu stehen.

Die mangelhafte Entwicklung des Mutes ist ein wichtiger Faktor für die Entstehung einer Neurose. Wer nicht mit Mut die Probleme des Lebens durchkommt, sucht sich eben Wege um sich das Leben zu erleichtern um so die Probleme des Lebens zu umgehen. Das geschieht, indem die Verantwortung & Schuld anderen zugeschoben wird. Das Motto „Fressen oder gefressen werden“,“Alles oder nichts“ wird zur Leitlinie des Neurotikers. Das bedeutet eigentlich nur, dass sich der Neurotiker für seine Mitmenschen nicht interessiert.

Charakterzüge eines Neurotikers/ Der Neurotiker

Ein Neurotiker ist niemals frei und ist in seinem eigenen goldenen Käfig seiner Ausreden, Zwänge und Selbstbezogenheit nur ein Gefangener. Käfige schaffen eine Distanz zwischen dem Innen und dem Außen. Neurotiker sind nur eingeschränkt beziehungs- bzw. liebesfähig.

  • Entmutigter Mensch -> Schon vor den neurotischen Symptomen, liegt da eine Disposition zur Neurose. Das Auftreten der Neurose zeigt dann nur: Okay das Gemeinschaftsgefühl dieses Menschen hat seine Grenze gefunden. ERROR! Der unzulänglicher Lebensplan ist im Widerspruch mit den realen Bedingungen des Lebens.
  • Der Neurotiker lebt in ständiger Angst, man könne seine Schwächen erkennen. Er hat ein Gemeinschaftsproblem, daraus entspringen dann die typischen Merkmale in seinen Handlungen:
    • zögernde Einstellung
    • Entscheidungen werden ausgewichen oder hinausgeschoben. (Zeit gewinnen oder für das Hier und Jetzt kurze Sicherung zu erlangen)
    • Distanz zu Menschen und Aufgaben
  • Leicht erregbar, leicht reizbar, ist von seinen Stimmungen abhängig
  • Immer auf dem Sprung
  • Auf jeden Druck wird mit maximalen Gegendruck reagiert.
  • Folgende Charakterzüge: Ängstlichkeit, Scheu, Verschlossenheit, Pessimismus

Situationen werden vom Neurotiker mit dem Gedanken „Was bringt mir diese Situation?“ betrachtet – statt (wie es ein Mitmensch tun würde) zu denken: „Was kann ich dem beitragen?“.

Neurotiker können natürlich auch was Nützliches für die Gemeinschaft beitragen, doch die Absicht hinter seinem Beitrag ist nicht das im Sinne des Gemeinschaftsgefühls zu tun, sondern um seine fiktive Wert- und Machtsteigerung.

Ein Lichtblick. „Heilung“ der Neurose möglich

In einer Therapie kann der Neurotiker erstmal seine neurotischen Züge und seine Leitlinie erkennen. Im Rahmen der professionellen Beziehung zu seinem Therapeuten, kann der Neurotiker neue gesunde zwischenmenschliche Erfahrungen sammeln und so neue Verhaltensmuster aufbauen.

Es ist für mich klar – doch ich schreibe es hier trotzdem nochmal auf – der Neurotiker wird nicht wie sonst durch Erlebnisse oder Emotionen therapiert, sondern durch Erkenntnisse und der Entwicklung seines Gemeinschaftsgefühls. Das wird generell dann in der Therapie gemacht, wie auch gerade beschrieben.

Kurz und knackig kann ich sagen: Für den Neurotiker ist Heilung in der Erkenntnis seiner fehlerhaften Leitlinie möglich, wenn er die Erkenntnis nicht dafür einsetzt neue Symptome zu entwickeln – sondern um sein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

Das klingt nach einem leichten Leitfaden, doch je nach Symptomverstrickungen und Tiefe der Neurose (also wieviele Bereiche des Lebens, Denkens und Seins sind von der Neurose befallen) kann es schwieriger sein die Zusammenhänge zwischen der angeblichen körperlichen/mentalen Unfähigkeit und das Verweigern Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, aufzuzeigen.

Der Zweck seiner Symptome war, jeder Verpflichtung im Leben auszuweichen.

Rudolf Dreikurs

Was absolut verständlich ist, denn für diesen Menschen ist diese Art das Leben zu beschreiten, das was er kennt und sich auch höchstwahrscheinlich mit großer Mühe selbst aufgebaut hat. Stück um Stück um zu überleben. Menschen die Neurosen entwickeln, haben ihre Gründe. Das Leben war für sie nicht immer das Gelbe vom Ei.

Wenn Neurotiker in die Therapie kommen, ist der Leidensdruck aufgrund der Symptome oft viel unerträglicher, als sich mit seiner wahrgenommenen Wertlosigkeit auseinanderzusetzen. Das kann eine Trennung sein, mehrere abgebrochene Studiengänge, Kündigung des Jobs, Familienkonflikte, uvm.

Wenn der Neurotiker begreift, dass diese ganzen Schwierigkeiten in seinem Leben die Ursache seiner Erkrankung sind – und nicht die Folgen, ist er seinen Leidensdruck los.

Schwierigkeiten leugnen, ist obligatorisch vom Neurotiker, leider macht er es sich oft nicht so leicht.

Was du dir aus diesem Artikel mitnehmen kannst

Ich habe mich öfters wiederholt in diesem Artikel, so prägt es sich besser ein. Meine Notizen sind viel umfangreicher, ich hab gekürzt wo es ging.

Das ist alles was du über die Neurose und die Neurotiker wissen sollst:

  • Ein Mensch der sich auf dieser Welt willkommen fühlt und seines Platzes sicher ist, ist nicht empfänglich für eine Neurose.
  • Ein Mensch, der sich auf dieser Welt wie auf Feindesland empfindet, nimmt eine Haltung des Gegenmenschen an, dies ist der Nährboden einer Neurose.
  • Jeder Mensch erlebt Konflikte, der Neurotiker unterscheidet sich nur in seinem Lösungsversuch. Diese ist es sich von den Lebensaufgaben zurückzuziehen um die gefürchtete Niederlage seiner Eitelkeit nicht zu erleben.
  • Für die Lebensfragen (Gemeinschaft, Beruf, Freizeit und Liebe) ist der Neurotiker klar nicht vorbereitet, weshalb er Ausreden (Symptome) findet, diese nicht erfüllen zu müssen.
  • Deshalb fühlt er sich ständig bedroht, dass seine Tarnung aufgedeckt wird, und herauskommt, dass er es ist der unfähig ist ein Mitmensch zu sein.
  • Die Stimmungslage des Neurotikers ist ein „Ja, ABER“. Im „Ja“ steckt das von ihm anerkannte Gemeinschaftsgefühl, im „aber“ jedoch steckt der Rückzug und seine Sicherungen (die Neurose).
  • Therapie mit einem Neurotiker ist möglich und sehr oft erfolgreich mit der Erkenntnis und dem Entwickeln des Gemeinschaftsgefühls.

So hast du nun ein klares Bild von dem Begriff der Neurose? Ich würde mich über ein Feedback sehr freuen.

Bis zum nächsten Mal!

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