Geschwister sind doch wahre Schicksalsgenossen, nicht wahr? Ich habe oft das Gefühl, dass ich mit meinen Geschwistern den gleichen Lebensweg gegangen bin. Wir sind gemeinsam groß geworden und haben die Lebensveränderungen in unserem nahen Umfeld gemeinsam erlebt. Sei es ein Umzug, eine Naturkatastrophe oder eine Lebenskrise. Doch eigentlich kann man – wenn man selbst ein Geschwisterkind ist – bei einem Gespräch unter Geschwistern schnell erkennen, dass jeder seine Kindheit vom Gefühl her ein wenig anders wahrgenommen hat.
Die Familie
Es ist auch logisch, oder? Auch wenn du in die gleiche Familie hineingeboren bist, kannst du gar nicht mit der identischen Situation aufgewachsen sein. Mit jeder Geburt ändert sich die Lebenssituation. Es könnte sein, dass sich in der Familie die finanzielle Lage ändert. Oder ihr seid in eine andere Gegend gezogen. Ebenfalls werden Eltern älter und erfahrener oder stärker entmutigt/ermutigt. Das macht die Ausgangsbedingung für jedes hineingeborene Kind in die gleiche Familie schon sofort eine andere.
Abgesehen von dem Aspekt, ist jedes Kind von Geburt aus anders. Es ist natürlich, dass die Eltern zu jedem Kind eine eigene Haltung einnehmen. Jedes Kind hat eine eigene spezielle Beziehung zu seinem jeweiligen Elternteil.
Die Geschwisterforschung
Doch was kann die Tiefenpsychologie über deine Geschwisterkonstellation sagen? Über die Geschwisterkonstellationen per se gibt es wenige Schriften und vereinzelte Studien. Die Recherche über Geschwisterforschung finde ich persönlich sehr spannend.
Alfred Adler hatte in groben Zügen ein paar Merkmale der jeweiligen Geschwisterpositionen skizziert. Ich nenne ihn mal bescheiden als Pionier in diesem Gebiet. Er betonte aber mehrmals, dass keine allgemeingültigen Aussagen gemacht werden können und der Mensch immer als Ganzes zu betrachten ist.
Das tolle an allgemeinen Aussagen
Jeder Mensch ist als Individuum zu betrachten. Als Individuum gesehen zu werden, ist ein universelles Bedürfnis von uns allen, oder nicht? Und doch lieben wir die allgemeinen Aussagen, die auf eine Eigenschaft von uns beruht. Sternzeichen, Intelligenzquotient, Persönlichkeitstests und viele weitere Beispiele, darunter kann ich auch die Geschwisterkonstellation ordnen.
“Nicht der Rang des Kindes in der Geburtenfolge beeinflusst seinen Charakter, sondern die Situation, in die hineingeboren wird.”
Alfred Adler: Die Familienkonstellation* 1929
(*Der Artikel „Die Familienkonstellation“ von Alfred Adler ist in seinem Buch „Neurosen. Fallgeschichten.“ Tolles Buch, sind sehr viele spannende Fallbeispiele enthalten, die ich jetzt nicht in meinem Artikel zitiert habe. Dies ist ein Affliate-Link, ich kriege bei qualifizierten Verkäufen über diesen Link eine kleine Provision.)
Solche allgemein gefassten Aussagen finde ich immer spannend. Sie sind oft so nichtssagend und doch enthalten sie oft erleuchtende Informationen für uns. Es bleibt einem selbst überlassen ob man nun z.B. Horoskope unter Tageswitz oder Tageshit verordnet.
Horoskope dienen für mich zur Erheiterung, die witzige Smalltalkthemen sein können. Jedoch sind Geschwisterkonstellationen, z.B. in einer Lebensstilanalyse, eine möglich wichtige Randinformation. Dadurch hat man die Möglichkeit Probleme bei der Bewältigung der Lebensaufgaben zu verstehen. Ich halte mich aber da ganz an Adlers Devise: “Alles kann auch ganz anders sein.” Menschen in Schubladen zu packen, ist einfach kontraproduktiv und zerstört den Individualismus. Aber das, ist nur meine eigene Meinung.
Bitte lese also den Artikel mit der Freude und Neugier: Was hat die Individualpsychologie wohl über meine Geschwisterfolge zu sagen? Also wie so ein Tiefenpsychologie-Horoskop 😀
Ich fasse mal schnell zusammen:
- Jeder Mensch ist individuell, sowie jede Familienkonstellation
- Der Mensch kann nur als Ganzes betrachtet verstanden werden
- Die Geschwisterfolge allein kann nicht die Persönlichkeit eines Menschen erklären, dazu gehören mehrere Faktoren
- Mehr als die Geschwisterposition ist wichtig die Situation in die hineingeborene Familie.
- Die Geschwisterfolge weist aber wiederholende Situationsbedingungen auf, die auf bestimmte Eigenschaftsentwicklungen fördernd einwirken können
Die vier verschiedenen Geschwisterkonstellationen
Adler unterscheidet zwischen 4 verschiedenen Typen:
1. Das Einzelkind
Das einzige Kind ist in der Regel verzärtelt und hat Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse und Wünsche mit anderen zu teilen.
Einzelkinder sind oft sehr freundlich und zärtlich. Sie haben bezaubernde Umgangsformen, die sie nutzen um andere Menschen anzuziehen (darin üben sie sich schon früh). Der nachgiebigere Elternteil ist gewöhnlich ihr Favorit. In manchen Fällen entwickeln sie eine feindselige Einstellung gegenüber dem anderen Elternteil, das es im Idealfall zu korrigieren gilt.
Die Problematik
Der problematische Aspekt besteht darin, dass das Einzelkind ohne Anstrengung ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Weshalb es leicht den Eindruck gewinnt als etwas Besonderes zu gelten.
“Es ist den erzieherischen Angriffen seiner Umgebung voll ausgesetzt.”
Alfred Adler: Menschenkenntnis
Somit bildet das Einzelkind einen Lebensstil aus, in der andere es stets zu unterstützen haben und die Unterstützer stets beherrscht werden. Es kann deshalb unselbstständig werden, da alle Schwierigkeiten ihm aus dem Weg geräumt werden und es an diesen nicht wachsen kann, weshalb es stets nach einer Stütze sucht.
Vorsicht führt zur Angst
Durch die ungeteilte Fürsorge der Eltern wird dem Kind der Gedanke eingeflößt, dass es eine fast tödliche Gefahr darstellt, nicht umsorgt und behütet zu werden. So wächst das Einzelkind oft vorsichtig heran.
Über dem Kind schwebt ständig die Besorgnis und Vorsicht um dessen Wohl. Dies hinterlässt beim Einzelkind den Eindruck, sich die Welt feindlich zu denken. Also wächst das Kind in ständiger Angst vor bevorstehenden Schwierigkeiten auf, ohne überhaupt von den Eltern vorbereitet zu werden, diese zu überwinden. Also sind sie für das Leben quasi untauglich.
Die Erziehung eine unlösbare Aufgabe?
Im schlimmsten Fall der Verzärtelung werden sie zu Menschen, die nur genießen, während andere alles für sie besorgen müssen. Adler nennt sie “Parasiten”. Ich finde diesen Begriff wertend, doch verstehe ich seine Abneigung gegen diesen Menschen. Dieses Verhalten ist nicht im Sinne des Gemeinschaftsgefühls.
Oft wachsen Einzelkinder – eben wegen der so konzentrierten Aufmerksamkeit der Eltern – mit hohen Ansprüchen auf. Das führt generell dazu, dass sie sich unterschätzen.
Im Großen und Ganzen sagt Adler, dass die Erziehung eines Einzelkindes zu einem Mitmenschen keine unlösbare Aufgabe ist. Wenn jedoch Erziehungsfehler angewandt werden, die zu schlimmen Resultaten führen, diese mit einem Geschwisterteil vermieden worden wären.
2. Das älteste Kind (Erstgeborene)
Jedes erstgeborene Kind war eine Zeit lang ein Einzelkind, mit all den Vorzügen, die es mit sich bringt der einzige Fokus der Eltern zu sein. Weshalb es anfangs verwöhnt wird. Die Eltern selbst sind unerfahren und wachsen erst mit dem Erstgeborenen in ihre neue Rolle als Erzieher hinein. Erstgeborene erleben ihre (oft erste) Lebensprüfung, durch die Situationsänderung (die Mutter wendet sich dem Neugeborenen zu) bei der Geburt des Geschwisterkindes: “Die Entthronung”. Diese kann einen traumatischen Charakter haben.
„Daraufhin entsteht in ihm eine starke Spannung und das Bestreben, die Gunst der früheren Situation zurückzugewinnen.”
Alfred Adler “Die Familienkonstellation”
Viele Erstgeborene haben deshalb das Gefühl nicht verstanden zu werden oder fühlen sich ihr Leben lang von den Eltern weniger beachtet.
Auswirkung des Entthronungs-Traumas
Die Entthronung kann das Bestreben nach unangenehmer Aufmerksamkeit auslösen. Indem der Erstgeborene ungehorsam und widerborstig ist, sich wieder wie ein Baby verhält oder Angriffe gegen das Baby startet, zwingt es die Eltern den Erstgeborenen wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu bringen. Auf einmal hat man als Elternteil das Gefühl: “Mein selbstständiges Kind kann gar nichts mehr allein. Und allein lassen kann ich es auch nicht.“
Der Weg zurück ins alleinige Rampenlicht können manche Erstgeborene Kinder mit Eigenarten beantworten. Darunter sind Eifersucht, Neid oder Egoismus.
Adler beschreibt auch Psychosomatische Symptome:
- Asthma oder Keuchhusten
- Kopfschmerzen, Migräne
- Magenbeschwerden
- Petit Mal Anfälle
- Cholerisches Verhalten
Es kommt auf die Reaktionen der Menschen in seiner Umgebung an, wie er diese Lebensprüfung beantwortet. Wenn das entthronte Kind denkt, dass es diesen Kampf gewinnen kann, wird es ein kämpfendes Kind. Doch wenn es denkt, der Kampf zahlt sich nicht aus, wird es depressiv und für Erfolgserlebnisse wird es seine Eltern immer in Sorge und Schrecken versetzen.
Weitere Gefahren
Das entthronte Kind kann sich von der Mutter abwenden und sich dem Vater zuwenden. Die kritische Einstellung gegenüber der Mutter bleibt für immer bestehen (bis sie korrigiert wird). Adler sagt über diese Menschen:
„Ein Mensch dieser Art hat stets Angst davor, im Leben einen Rückschlag zu erleiden, und wir können feststellen, dass er in all seinen Angelegenheiten gern einen Schritt vorwärts und anschließend einen zurück tut, so dass nichts Entscheidendes geschehen kann.”
Dieser Typus hat den tiefen Glauben in sich verankert, dass eine gute Situation sich immer ins negative wandeln wird. Und gegenüber der Beantwortung der Lebensfragen ist es immer zögernd und zeigt problematische und neurotische Tendenzen, diese erlebt es als Sicherheit.
Adler beschreibt weiterhin folgende mögliche Folgen:
- Die Gesellschaft wird mit einer feindseligen Einstellung betrachtet.
- Der Beruf oder die Tätigkeiten werden ständig gewechselt.
- In der Liebe können Funktionsmängel und polygame Tendenzen geäußert werden. (Das Verliebtsein bleibt nicht lange bestehen.)
Adler nennt sie auch die “großen Zauderer” (jemand der ständig Unentschlossen ist).
Weitere Eigenschaften von Erstgeborenen
Erstgeborene haben oft eine starke Bindung zu ihren Eltern und übernehmen eine Führungsrolle in der Familie. Sie sind oft ehrgeizig und streben nach Erfolg und Anerkennung. Sie sind normalerweise Befürworter von Macht und Gesetz. Erstgeborene sind schneller bereit Macht anzuerkennen, und sind gerne dann auf der Seite des Mächtigen (sogar dann, wenn sie zu Revolutionären oder Aktivisten werden).
3. Das zweite Kind
Bei Zweitgeborenen sind die Eltern geübt und wissen was auf sie zukommt. Daher kann man generell sagen, dass sie weniger verzärtelt werden als Erstgeborene oder Einzelkinder.
Zweitgeborene werden sofort in ihre erste Lebensaufgabe hineingeboren: Sie müssen sich in der Geschwisterreihe behaupten und entwickeln daher oft einen ausgeprägten Wettbewerbsgeist. In diesem Verhalten kann man das Machtstreben und das Streben nach Überlegenheit erkennen. Das per se ist nicht problematisch.
Wenn das Zweitgeborene keine vernünftige Chance bekommt um mit den älteren Geschwisterkind zu konkurrieren, wird es die nützliche Seite des Lebens verlassen (zum Beispiel indem es wild und aufsässig wird).
Die Beziehung zum Älteren Kind
Das ältere Geschwisterkind ist oft Rivale und Vorbild zugleich. Daher sind sie oft unabhängig und flexibel. Sie entwickeln früh die Fähigkeit sich an neue Situationen anzupassen, und haben gute soziale Fähigkeiten.
Das jemand schon vor einem selbst da war, gibt dem Zweitgeborenen einen starken Anreiz. Durch die ständige Wettkampfeinstellung (diese läuft oft unbewusst ab und ist nicht, wie in der Erwachsenenwelt angenommen, mit negativen Gefühlen begleitet), entwickelt es starke Kräfte, die es gut im Leben vorantreiben. Denn dessen Lebensbedingungen bringen es dazu sich immerzu anzustrengen.
Für Eltern oder sogar Verwandte, die einen Zweitgeborenen (die später, wenn die Familie wächst, zum Sandwichkind werden) in der Familie haben, kann ich dieses Buch zur Aufarbeitung der Gefühle wärmstens empfehlen. Es ist ein Affliate Link, was eigentlich nur bedeutet, dass du -falls du das Buch über diesen Link kaufst – den normalen Kaufpreis bezahlst und ich nur eine kleine Provision davon bekomme. Ein Artikel, dass man mit Kindern über das Buchmedium Gefühle leicht aufarbeiten kann, ist sogar in Planung 🙂
Schlechte Voraussetzungen?
Generell ist das zweite Kind in einer besseren Situation als das erste Kind. Es kommt aber auch auf jede Familiensituation und Dynamik individuell an.
Adler nennt schlechte Voraussetzungen für das zweite Kind, wenn:
- es “hässlich” ist (bzw. wenn es so von den Eltern wahrgenommen wird)
- eine organische Beeinträchtigung hat
- schlecht erzogen ist
- es die Hoffnung auf Gleichheit (mit seinen Geschwistern) verliert
In letzterem Fall wird das Kind immer “versuchen mehr zu scheinen als zu sein” (Alfred Adler Die Familienkonstellation in: Neurosen. Fallgeschichten 1929).
4. Das jüngste Kind (Letztgeborene)
Sie haben schon seit Menschengedenken immer eine besondere Stellung in der Familie, findest du nicht? Das jüngste Kind wächst in einer ganz anderen Situation auf als all dessen Geschwister. Das Letztgeborene wird ganz offensichtlich von den Eltern besonders behandelt.
Besondere Stellung
Das Nesthäkchen ist das kleinste, schwächste und abhängigste Glied in der Familie. Es steht seinen älteren Geschwistern, die schon im Leben stehen – selbstständig, fertig und erwachsen -, gegenüber. Diese empfinden in dem Nesthäkchen oft keine Konkurrenz, weshalb auch sie ihrem Geschwisterkind wärmer begegnen.
Eine weitere Besonderheit ist, dass das jüngste Kind niemals eine Entthronung erleben wird. Deshalb wächst der Letztgeborene oft in einer wärmeren Atmosphäre auf als all seine Geschwister vorher.
Charakterzüge
Diese besondere Stellung des jüngsten Kindes beeinflusst dessen Persönlichkeitsentwicklung enorm. Eigentlich ist es für kein Kind eine angenehme Situation stets der Kleinste zu sein und keine Aufgabe zugetraut zu bekommen. Dadurch entwickeln sie das Verlangen immer zu zeigen, was sie können.
Es entwickelt dann den Charakterzug, dass es nur mit der besten Situation zufrieden ist. Auch entsteht ein Streben, “alle anderen zu überspringen”. (Alfred Adler: Menschenkenntnis*)
Im positiven Fall, sind Letztgeborene sehr produktiv und erreichen sehr viel. Sie haben starke soziale Kompetenzen. Sie haben gute Voraussetzungen für hohe soziale Intelligenz und einen gesunden Menschenverstand. Sie sind höflich, zuvorkommend und sehr aufmerksam.
Mögliche Gefahren
Wenn der Letztgeborene die Geschwister nicht übertreffen kann, besteht die Gefahr, dass es immer vor seinen Aufgaben zurückschreckt. Das führt dazu, dass es feige und empfindlich wird. Um seine Aufgaben nicht anzugehen, wird es stets Ausreden finden.
Sein Ehrgeiz ist ebenfalls in Gefahr. Nun ja, sie haben generell keinen verminderten Ehrgeiz, nur richtet sich die dann auf die unnütze Seite des Lebens. Bedeutet eigentlich nur, dass sie den Ehrgeiz stillen, und trotzdem nicht die Lebensaufgaben meistern können. Dadurch wird bezweckt, dass sie keine Proben ihres Könnens ablegen müssen. Sie können also weder wachsen an ihren Aufgaben, noch Erfolge erleben, die ihnen nachhaltig Selbstwert und Selbstvertrauen einbringen würde.
Der Jüngste und das Minderwertigkeitsgefühl
Wie schon erwähnt, fühlt sich das jüngste Kind als der Kleinste und Abhängigste. Daher ist es kaum verwunderlich, dass Adler in seinen Untersuchungen feststellen konnte, dass der Jüngste gewöhnlich ein Minderwertigkeitsgefühl in sich trägt. Der Jüngste schafft es das Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden. Adler macht einen Vergleich zu Kinder die mit einer Organminderwertigkeit (mit “schwachen Organen”) aufwachsen und dann in der Überwindung an dieser sehr wachsen . Er erkannte die gleiche starke seelische Entwicklung auch bei den Jüngsten.
Natürlich ist das Kind und irgendein Mensch minderwertig. Es geht um das Gefühl, dass man sich minderwertig fühlt. Und es ist ein Fakt, dass aus den Kinderaugen- und herzen schnell solche Irrtümer als Wahrheit angenommen werden. Diese gilt es, falls das Minderwertigkeitsgefühl noch im Erwachsenenalter besteht, zu korrigieren.
Der produktive Schnellläufer
Die Jüngsten neigen dazu Schnellläufer zu werden. Man erkennt es sehr schnell in ihrem Lebensstil, dass sie alles als Wettkampf sehen. Sie wollen an der Spitze der Gruppe gehen und dass jemand vor ihnen ist, vertragen sie nur schwer.
Es gibt auch eine Art von Schnellläufern, die so produktiv und entschlossen sind, dass sie zu Rettern der Familie werden. Nicht nur finanziell, sondern auch emotional.
Gute Mitmenschen sind sie trotzdem nicht. Auch wenn ihre Konkurrier-Bereitschaft ihnen Vorteile zum Beispiel im Berufsleben bringen wird. Sie sind keine guten Mitmenschen, denn der produktive Schnellläufer kann nur auf Kosten anderer im Gleichgewicht bleiben.
Der mutlose Schnellläufer
Es gibt noch die Art von Schnelläufern, die in ihrem Lauf auf ein plötzliches Hindernis stoßen. Wenn der Jüngste sich dann diese Überwindung nicht zutraut und den Mut verliert, passiert folgendes: Sie werden die stärksten Feiglinge. Manche erleben das als eine Krise: Jede Arbeit wird dem mutlosen Schnelläufer zu viel, er findet Ausreden, sich nicht an das Hindernis heranzuwagen und die Aufgabe ungelöst zu lassen. Oft versagen sie leider an diesem Hindernis. Sie finden dann, wenn sie sich aufgerafft haben, ein Feld in dem sie wirken können, wo sie schon (unbewusst) wissen, dass sie keine Konkurrenz haben.
Der mutlose Schnellläufer übernimmt für seine ganzen Misserfolgen keine Verantwortung, sondern bringt mehrere Ausreden hervor. Zum Beispiel: Er ist zu schwach, er wurde vernachlässigt oder sogar verwöhnt, die Geschwister sind so und so schuld. Wenn der mutlose Schnellläufer auch noch wirklich ein organisches Leiden hat, werden die Ausreden leichter ausfallen. Das ist auch ein Zeichen seines Minderwertigkeitsgefühls. Unter diesem drückenden Gefühl und dass er sich nie mit dem Leben aussöhnen kann, wird er durchgehend leiden.
Sonderformen
In der Analyse wird auch berücksichtigt wie es sich mit der Geschlechteraufteilung verhält und wieviel Jahre zwischen den Geschwistern liegen. Das einzige Mädchen unter Brüdern, stellt eine Herausforderung und eine Außenseiter Position dar. Ebenfalls verhält es sich so mit einem einzigen Jungen nur unter Schwestern. Kulturelle Einflüsse sind ebenfalls spannend in dieser Analyse einfließen zu lassen.
Zum Beispiel: Welchen Stellenwert hat in dieser Kultur oder Glaubenssystem der Familie die Frau oder der Mann? Welche möglichen Konstellationen kennst du oder denkst, es wäre spannend? Wenn du magst kannst du mir von deiner Geschwisterkonstellation erzählen, sowas finde ich immer sehr aufregend.
Fazit
Also zusammengefasst irgendwie klingt keine Position sehr vielversprechend, oder? Naja es gibt eben kein idealen Typus. Genauso wenig wie es kein ideales Sternzeichen gibt. Die Individualpsychologie zeigt auf wo es Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung in der jeweiligen Geschwisterposition geben könnte.
Es geht im Leben nicht darum der Erste, der Beste und der Stärkste zu sein. Das wir alle der Beste und der Stärkste sind, ist 1. überhaupt nicht möglich und 2. eigentlich auch nicht moralisch. Ständig über den anderen herrschen wollen und in diesem Kampf sein Leben vergeuden, ist nicht nützlich, weder für einen selbst, noch für das menschliche Zusammenleben.
Sein eigenes Kind darauf zu trimmen der Erste, Beste und Stärkste (mich amüsiert gerade eine mögliche Abkürzung: ein EBS-ler) zu sein, macht es zu keinem guten Mitmenschen. Und somit verfehlt man als Elternteil mit einem EBS-Kind seine Erziehungsaufgabe. Ein EBS-ler ist egoistisch, neidisch und entwickelt Hassgefühle. Ebenfalls hat es ständig Angst jemand könnte ihm seinen Rang wegnehmen.
Über Erziehungsfehler und wie sie zu vermeiden oder zu korrigieren sind, sind Artikel in Planung, bleib also dran, wenn es dich interessiert.
Magst du vielleicht mehr über die Geschwisterfolge hören? Hier geht es zu einem interessanten Podcast der WDR, wo auch Studien dazu erwähnt werden. Bevor du drauf klickend dich verabschiedest, hinterlasse mir ein Kommentar und lass mich wissen, was du über die Geschwisterkonstellation und ihre Aussage über dich denkst. Trifft Adlers Einschätzung bei dir zu?


Ich halte wirklich nichts von Horoskopen, musste deshalb schmunzeln als ich den Vergleich zu einem Tiefenpsychologen Horoskop gelesen habe… ich muss leider zugeben, dass ich mich in Adlers Schilderungen wieder erkenne.
Ich bin die Jüngste unter meinen Geschwistern und insbesondere meiner älteren Schwester habe ich immer nachgeeifert. Das führte z.B. dazu, dass ich sehr schnell sehr reif wurde und mich mit Themen beschäftigte, die sie auch beschäftigen.
Ich glaube aber auch, dass irgendwie die Geschwister positiv dazu beitragen, dass man als Jüngstes sich eben positiv und nicht wie Adler es beschreibt negativ entwickelt (oder vielleicht bin ich einfach nur hübsch und nicht hässlich :D). Ich glaube, wenn Geschwister sehr liebevoll sind, dass die Jüngeren dann besser aufwachsen.
🙂 danke für diesen tollen Kommentar, deine Worte haben mich erheitert.
Es ist schön zu hören, dass du in keiner feindlichen Umgebung im Kontext deiner Geschwistern aufgewachsen bist, das ist eine tolle Ressource!