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Die Begriffe Sicherheit und Sicherung werden in der Individualpsychologie unterschieden. Aus dem einfachen Grund, weil das Streben nach Sicherung niemals das Gefühl von Sicherheit vermitteln kann.

Lass uns nun in die Tiefen dieser psychologischen Mechanismen eintauchen und herausfinden, wie wir den für uns besten Weg einschlagen können.

Sicherheit

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er Sicherheit braucht. Es ist ein universelles Bedürfnis. Dieses Sicherheitsbedürfnis kann nur durch das Gemeinschaftsgefühl befriedigt werden. Alle Schutzmaßnahmen (Sicherungstendenzen) können niemals das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen. Das ist ein absoluter Irrtum.

Um keine Fragen offen zu lassen: Wozu braucht der Mensch Sicherheit?

Im Artikel „Minderwertigkeitsgefühl“ habe ich dargelegt, dass der Mensch mit einem Minderwertigkeitsgefühl geboren wird. Das Streben nach Sicherheit resultiert aus der Hilflosigkeit gegenüber den Mitmenschen, schwächer zu sein und von den Mitmenschen abhängig zu sein.

Diese Hilflosigkeit ist auf Dauer unerträglich, sie verlangt nach einer gesunden Antwort. Sie verlangt nach Sicherheit. Die Individualpsychologie nennt dieses Bedürfnis das Sicherheitsstreben.

Das Schlüsselwort ist hier: gesunde Antwort.

Das Gefühl der Unterlegenheit ist eine unumstößliche Tatsache. Niemand kann und will dieses Minderwertigkeitsgefühl ertragen. Deshalb stehen wir an einem Scheideweg, wenn es darum geht, diesen Zustand zu überwinden.

Das Sicherheitsstreben ist die gesunde Antwort, die psychische Gesundheit und Sicherheit gibt.

Die Sicherungstendenz ist die ungesunde Antwort. Diese wollen wir nun näher betrachten.

Sicherung

Die Sicherung – in der Literatur auch als Sicherungstendenz bezeichnet – hat das Ziel, sich vor dem Erleben von Minderwertigkeitsgefühlen zu schützen und zur Überkompensation zu Machtstreben zu führen.

Mit der Sicherung flieht der Mensch aus dem Gemeinschaftsgefühl und will die unerträgliche Bestätigung seiner Minderwertigkeit um jeden Preis verbergen – vor sich selbst und vor seinen Mitmenschen.

Da hat die Psyche wirklich einen genialen Mechanismus erfunden, um uns glauben zu machen: „Du bist gar nicht minderwertig, du brauchst gar nicht tiefer zu graben, wir sind mächtig und stark“. (oder: „Die anderen sind das Problem“).

Das wäre ja auch toll, wenn es nicht die Nebenwirkungen von Neurosen, psychosomatischen Beschwerden und Unzufriedenheit hätte.

Die Sicherungstendenz ist wie das psychoanalytische Wort, das gerne verwendet wird: Verdrängung. Der Unterschied besteht darin, dass die Psychoanalyse dieses Verhalten triebhaft begründet. Die Individualpsychologie setzt auf Selbstregulation.

Der Mensch strebt mit Leib und Seele danach, diese ganze Mangelsituation zu überwinden. Der Mensch will eben sein angeborenes Gemeinschaftsgefühl entfalten und ausleben. Man befindet sich also in einem ständigen Konflikt mit sich selbst und seiner Umwelt.

In diesen Situationen werden Sicherungstendenzen aktiviert:

  • wenn wir an unseren Fähigkeiten zweifeln
  • wenn wir an der Lösung einer Aufgabe zweifeln
  • wenn wir eine bestimmte Situation bewältigen müssen

Dann schützen uns die Sicherungstendenzen davor, unsere Minderwertigkeitsgefühle zu verbergen oder überhaupt erst zu erkennen. Ob dies nun bewusst oder unbewusst geschieht, wird auch innerhalb der Individualpsychologie gerne diskutiert. Es gibt also keine einheitliche Antwort.

Es gibt Situationen, in denen diese Sicherungstendenzen (also diese Schutzbarriere) nicht funktionieren. Jeder Mechanismus hat seine Bugs (Bugs sind Fehler in Computersoftware, die dazu führen, dass etwas nicht so funktioniert, wie es sollte) 🙂

In diesen Situationen können Sicherungstendenzen zu Bugs führen:

  • bei starken Frustrationen wie Angst, Wut, Aggression, Schmerz, Trauer oder Verzweiflung
  • in sozialen Extremsituationen: z.B. bei völliger Einsamkeit, in Menschenmengen oder bei absolutem Vertrauen
  • bei extremer Schwäche: z.B. bei Krankheit, im Schlaf, beim Sterben, im Rausch
  • bei extremen Glücksmomenten: z.B. extreme Freude, Geschlechtsverkehr, sexuelle Lust oder jede andere Form der Ekstase.

Je größer das Minderwertigkeitsgefühl, desto hartnäckiger und stärker sind die Sicherungstendenzen. Dabei spielt auch die Angst mit, dass die erlebte Minderwertigkeit von anderen erkannt oder gar ausgenutzt wird. Dies führt direkt zum Minderwertigkeitskomplex.

Abschließende Worte

Wenn wir uns diesem Druck des Minderwertigkeitsgefühls beugen und den Sicherungstendenzen ihren Lauf lassen, können wir kein wirkliches Glück empfinden. Die Vorteile der Sicherungstendenzen haben einen faden Beigeschmack und bringen zu viele Nachteile mit sich.

Denn je stärker die Minderwertigkeitsgefühle sind, desto geringer ist die Bereitschaft, den Schutzwall abzulegen. Das bedeutet eigentlich nur, dass man die Liebesfähigkeit in sich selbst stark reduziert, um kein Risiko einzugehen. So wird die Barriere zur Schutzmauer und man ist dort verbarrikadiert.

Aber weil es ein individueller menschlicher Mechanismus ist, ist es auch sehr ambivalent. Für manche Menschen ist es nur mit dieser Schutzbarriere möglich, ein soziales Miteinander zu erleben.

Noch schwerwiegender ist, dass Sicherungstendenzen kein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Sicherungen sind nur ein Schein von Macht und Überlegenheit. Sie sind – so gemein das klingen mag – eine Lüge. Man lügt sich selbst an, dass man nicht an sich zweifelt und sich minderwertig fühlt.

Wenn man sehr gut darin ist, sich selbst zu belügen, dann läuft man Gefahr, dass aus dem Minderwertigkeitsgefühl ein Minderwertigkeitskomplex wird. Um es mit Rudolf Dreikurs zu sagen: Es ist eine „Bankrotterklärung, die Erklärung der Unfähigkeit, bestimmte Lebensprobleme zu lösen„. Und dann wird die manchmal hilfreiche Sicherungstendenz leider zum Problem.

Auch wenn also die Sicherungstendenzen sehr überzeugend sind, kann man sie durch das Gemeinschaftsgefühl überwinden und so zu wirklicher Sicherheit gelangen. So können auch unproblematische zwischenmenschliche Beziehungen erlebt werden und die Liebesfähigkeit kann sich entfalten.

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