Hass ist ein starker negativer Zustand. Er kann aus den Emotionen Wut, Angst und Verachtung oder Ekel bestehen. Viele psychische und physische Krankheiten haben ihren Ursprung im Hass. Er lässt die Liebe in uns verschwinden und führt zur Selbstzerstörung. Aber ist Hass immer negativ? Kann er uns nützlich sein?
Gibt es einen positiven Hass? Kann man dem Hass etwas Positives abgewinnen? Diesen Fragen werde ich in diesem Artikel nachgehen. Auch der Hass soll zu Wort kommen und erzählen, was seine Ziele und Wirkungen sind.
Der Hass
Hass ist eine sehr intensiv empfundene Abneigung bis hin zur Feindseligkeit. Wenn der Hass in dir Nahrung findet, wirst du bösartig und hast viel Zorn in deinem Herzen. Mit Hass verabscheust du deine Mitmenschen und bist sogar in der Lage, sie mit deinen Bemerkungen und Taten zu verletzen.
Hass hat also eine zerstörerische Kraft. Aber er zerstört den Hasser mehr als den Gehassten.
Hass kann sich gegen alles richten, zum Beispiel gegen eine Situation, eine Aufgabe, einen Gegenstand, eine einzelne Person, sich selbst, ein Volk, eine Klasse, das andere Geschlecht oder eine Rasse. Er ist so gewaltig und raumgreifend, dass für die Liebe wenig Raum bleibt.
Die enorme Kraft des Hasses kann sich im Körper ausbreiten. In der Psychosomatik wird beobachtet, dass Hass das Verdauungssystem, die Atemwege, die Gallenblase und die Leber beeinflusst. Es gibt sogar Hypothesen, dass Hass die Krankheit Krebs verstärkt oder sogar anzieht.
So weit will ich nicht gehen, denn Hass an sich ist Thema genug – mit oder ohne Krebs.
Merkmale des hassenden Menschen
Alfred Adler hat in seinem Buch „Menschenkenntnis(*)“ (1927) dem Hass ein ganzes Kapitel gewidmet. Darin zeigt er auf, wie und in welchem Ausmaß sich Hass im Menschen manifestiert. Hier ist eine Liste, die ich frei zusammengestellt habe:
- Hass zeigt sich bei kämpferischen Menschen
- Eine Form des verschleierten Hasses ist die subtile Form der kritischen Haltung. Jemand, der jede Art von Zugehörigkeit ablehnt, hat Hassgefühle in sich.
- Hass findet sich in vielen kleinen und großen Verbrechen.
- Die höchste Form des Hasses ist die Menschenfeindlichkeit.
- Bestimmte Berufe kann man ohne Feindseligkeit nicht ausüben. Ein Beispiel dafür sind militärische Berufe. (Hier wird die feindselige Haltung so eingesetzt, dass sie in die Gemeinschaft passt).
- Fahrlässigkeit, ist eine der gut versteckten Formen für Hassgefühle. So haben z.B. alle Schäden an Menschen oder Sachen, die durch Fahrlässigkeit verursacht werden, ihren Ursprung im Hass.
- Fahrlässigkeit ist sehr häufig in der Familie, in der Schule und im Leben.
- Zum Beispiel: rücksichtslose Menschen.
- Auch wenn fahrlässiges Handeln oft gerechtfertigt ist, kann man bei näherer Betrachtung viel Feindseligkeit gegenüber anderen erkennen.
- Zum Beispiel: Ein Autofahrer, der einen Auffahrunfall verursacht, erklärt, er sei in Eile gewesen, weil er zu einem wichtigen Termin musste. Dieses Verhalten zeigt aber nur, dass der persönliche Wunsch nach Pünktlichkeit für ihn über dem Wohl der anderen Verkehrsteilnehmer steht. Sein Grad der Feindseligkeit wird dadurch deutlich.
Hat der Hass also etwas Positives?
Ich habe in Adlers Literatur keine Antwort auf diese Frage gefunden. Um also das Positive im Hass zu sehen, springe ich ins Jahr 1649. Das wird keine historische Anekdote, sondern ein philosophischer Spaziergang. Der Exkurs führt zu René Descartes, einem wunderbaren Denker.
In seinem Essay über die „Leidenschaften der Seele(*)“ zählt er den Hass zu den sechs Urleidenschaften. Nach Descartes haben die Leidenschaften ihren Ursprung nicht in einem selbst, sondern kommen von außen und werden einem aufgezwungen. In der Leidenschaft liegt das Leiden, also werden diese Leidenschaften – so Descartes – von der Seele erlitten.
Hass ist schädlich, sagt auch Descartes, aber er zeigt auch, was der Hass uns bringt. Der Hass sorgt nämlich dafür, dass wir Dinge meiden, die schlecht sind. Wir distanzieren uns also von dem, was uns schadet, und bleiben so dem Übel fern. Hass ist also das Gegenstück – der Antagonist – zur Liebe (auch eine der sechs Leidenschaften).
Was können wir daraus lernen? Hass gehört zu unserem emotionalen Grundinventar. Er dient als Orientierungshilfe für unser Denken und auch Handeln. Sozusagen als Kompass, der uns emotional leitet. Deshalb kann man Hass nicht als „schlecht“ oder „gut“ bewerten.
Ich lade dazu ein, Hass so zu nehmen, wie er ist: Er ist ein Zustand, der darauf hinweist, dass unser System das gehasste Objekt oder die Person als schädlich für uns einstuft.
Im Folgenden sind einige der großen Orientierungen aufgeführt, die wir durch den Hass gewonnen haben: Die tiefe Abneigung gegen Sklaverei, Diktatoren, Terrorismus und Krieg ist unbestreitbar sehr positiv, oder?
Vieles im Leben kann zum Bösen missbraucht werden. Hass hat seine emotionale Berechtigung. Problematisch wird es, wenn Hass für etwas eingesetzt wird, wofür er nicht gedacht ist. Zum Beispiel, wenn er sich gegen die eigene Mitmenschlichkeit richtet.
Der Ursprung des Hasses
Hass ist nach Alfred Adler ein Charakterzug aggressiver Natur. Er hat seinen Ursprung im Geltungsstreben.
Lässt sich der Mensch also von seinem Geltungsstreben leiten, entsteht in seinem Seelenleben eine extreme Spannung. Diese Spannung nimmt sich das Ziel der Macht und Überlegenheit. Mit vereinten Kräften versucht er alles, um sein Ziel zu erreichen.
Hass ist eine Kraft, die sich gegen das Gemeinschaftsgefühl richtet. Hass verhilft also der inneren Spannung zu Macht und Überlegenheit.
Wenn der Hass zu Wort kommt…
Ich: Ich kann es einfach nicht glauben! Als stünde ein Kind vor ihr! Ich bin unglaublich wütend.
Hass: Hallo auch zu dir, Madame! Genau so, lass mich dich innerlich verbrennen. Was genau hat sie noch gesagt?
Ich: Sie hat mir verboten, mit meinen Freundinnen zum Schlittschuhlaufen zu gehen, obwohl das schon seit einer Woche feststand und sie es wusste! Ich könnte KOTZEN!
Hass: Das hast du nicht verdient! Du bist ein selbstbestimmter Teenager, du kannst tun und lassen, was du willst. Sie hält dich davon ab dein Leben zu leben!
Ich: Ohh wie hast du recht! Du hast so recht. Warum muss ich jetzt auf die Toilette? Ich bin gleich wieder da.
Hass: Ich warte hier, lass dir ruhig Zeit.
… Etwas später ….
*Der Hass hört, wie sich zwei unterhalten. Durch die Tür kommen die Liebe und ich herein*
Ich: Das habe ich wirklich nicht erwartet, sie hat nur gesagt: „Ich verbiete dir, mit diesen Schlittschuhen zu gehen!“
Liebe: Ja dabei hat sie dir neue Schlittschuhe gekauft und du hast sie total missverstanden.
Ich: Ja wie peinlich. Ich hätte genauer zuhören sollen!
Hass: WAS PASSIERT HIER? Wir waren so gut drauf.
Ich: Ach das hat sich doch erledigt Hass, warum warst du überhaupt da?
Hass (perplex): Ähm, weil sie dir die Autonomie wegnehmen wollten. Es ist nicht so gelaufen, wie du es dir in deinem Kopf vorgestellt hast.
Liebe: Und anstatt mich einzuladen und damit offen zu bleiben für die Sicht deiner Mutter, hast du auf deiner Position beharrt.
Hass: Komm mir nicht in die Quere, du hast wieder alles kaputt gemacht, blöde Liebe. Ich war so kurz davor, dass sie jede Verantwortung für ihr Leben verweigerte.
Ich: Das klingt schrecklich, was wolltest du erreichen?
Hass: Na, um am Ende deine Selbstzerstörung einzuleiten.
Ich: WAS? Aber ich war doch nur voller Hass auf meine Mutter.
Hass: Ja, aber am zerstörerischsten bin ich demjenigen gegenüber, auf dessen Couch ich sitze. Und das bist du. Solange ich hier sitze, hat Liebe keinen Platz.
Liebe: Genau, ich stehe immer noch…
Ich (frech): Aber wenn ich Menschen hasse, wenn ich boshaft werde, wenn ich mit verletzenden Bemerkungen Herzen breche, dann tue ich den anderen doch mehr weh, oder?
Liebe: Ja, du schadest ihnen sehr…
Hass: Du schadest dir noch mehr. Denn durch das, was du tust, nährst du mich nur noch mehr, und ich habe immer mehr Gründe, hier zu bleiben. Das macht dich irgendwann krank. Aber Liebes, das ist doch genau unser Ziel…
Ich: WAS? Wieso sollte Krankheit mein Ziel sein?
Hass: Weil wir uns so aus der Verantwortung für das Leben stehlen können, wenn alles hochbedrohlich und lebensgefährlich ist, sind wir allein. Wer allein ist, kann nicht verletzt werden.
Liebe: Lieber Hass, was du als maximal lebensgefährlich einstufst, sind Menschen. Sie ist auch ein Mensch. Das heißt, sie wird irgendwann glauben, dass sie selbst lebensgefährlich ist.
Hass: Du bist so dumm, Liebe, so dumm. Dafür habe ich die Eitelkeit und das Machtstreben auf meiner Seite. Auf so einen liebesgetränkten Gedanken kommt sie gar nicht.
Ich: In was bin ich WIEDER hineingeraten? Ich will mich nicht selbst zerstören, ich will nicht allein sein, ich will niemandem wehtun.
Hass: (fassungslos) Was? Wir hätten so viel erreichen können.
Ich: Bitte geh einfach…
Liebe: Du hast jetzt akzeptiert, dass ich die Grundlage allen Lebens bin. Wenn der Hass mich verdrängt, verwelkt und verbrennt alles.
Ich: Ja, ich habe verstanden. Ohne dich gehe ich als Mensch zugrunde. Was soll ich noch tun? Der Hass sitzt immer noch da, wenn auch nicht mehr so klobig.
Liebe: Hass wird ab und zu kommen, er hat seine Berechtigung. Akzeptiere ihn. Gib ihm nur nicht so viel Raum, seine negativen Seiten in Fülle und Hülle zu entfalten.
Ich: Warum wird er kommen?
Hass ( kleinlaut): Nun, du wirst mit neuen Situationen, Menschen oder Dingen konfrontiert werden. Dann brauchst du meine fachliche Meinung, wie du das Neue einschätzen und einstufen willst.
Ich: Was meinst du mit einstufen?
Hass: Na ob du das Neue meiden sollst, weil es schlecht für dich ist.
Ich: Und wenn es gut für mich ist?
Liebe: Das ist meine Aufgabe, das einzuordnen.
Ich: Dann müsst ihr in solchen Situationen Hand in Hand arbeiten?
Hass: Ich gebe der da NIEMALS meine Hand. Dafür werde ich nicht genug bezahlt, sorry I am out! No Peace, No Love!
Hass stürmt aus dem Zimmer
Liebe: Er ist immer so melodramatisch. Wo waren wir stehen geblieben?
Ich: Wie kann ich dich stärken, damit du mit dem Hass umgehen kannst, wenn solche neuen Situationen auf uns zukommen?
Liebe: Bleib bei dir. Höre in dich hinein und öffne dich für andere. Das heißt, du sollst eigentlich jede Situation und jeden Menschen mit den Augen der Liebe sehen.
Ich: Das klingt schön…
Liebe: Wenn du dich für den Blick durch die Brille der Liebe öffnest, können sich die Dinge verändern und du wirst frei von den Urteilen, die der Hass über dich gefällt hat.
Ich: Dann wünsche ich mir, am besten, viel Glück?
Zusammenfassend
Hass löst also psychosomatische Reaktionen aus. Neben einem starken Unwohlsein löst er, wenn er ständig genährt wird, deine Selbstzerstörung aus. Der Hass richtet sich gegen andere, aber er trifft dich am härtesten.
Man kann Menschen erkennen, die Hass als aggressiven Charakterzug in sich tragen. Eine der am weitesten verbreiteten Formen von fehlgeleitetem Hass ist, Fahrlässiges Handeln und die kritische Haltung zu allem.
Hass – als Gegenkomponente zur Liebe – hat eigentlich nur die Aufgabe, dir als Kompass zu dienen, ob du eine neue Situation, eine Person oder eine Sache meiden sollst oder nicht.
Der innere Kompass: immer richtig?
Wenn du also Abneigung und Hass gegenüber einer Person empfindest, kannst du für dich schlussfolgern: Mein innerer Kompass ist so gepolt, dass er diese Person als schädlich für mich einstuft, die ich meiden oder angreifen sollte.
Der innere Kompass ist nicht immer richtig gepolt. Meine Devise lautet immer: Erst wenn ich mich durch eine Handlung/Gedanken unwohl oder gestört fühle, erst dann schaue ich genauer hin.
Was könnte der Grund für den Hass auf xy sein? Warum könnte xy für dich potentiell bedrohlich sein? Was ist das Ziel meines Hasses? Wozu ist er da?
Wenn du deinen Hass mit dem Gemeinschaftsgefühl trainierst, wird es dir den hilfreichen Weg zeigen und du kannst seinem Urteil vertrauen.
Nützlich ist der Hass zum Beispiel, wenn er sich als Abneigung gegenüber einem Menschen zeigt, der zu allen sehr charmant und liebenswürdig ist, aber hinter der Fassade kein Gemeinschaftsmensch ist und all seine Anstrengungen auf seine Überlegenheit richtet.
Ein Gegenmensch kann schaden. Wenn es nicht möglich ist, so einem Menschen aus dem Weg zu gehen – weil er z.B. dein Vorgesetzter ist – dann ist es ratsam, dass du den Hass in dir als Orientierungshilfe dankbar annimmst, um deine persönlichen Grenzen besser ziehen zu können.
Hassregungen bei Eltern
Es ist ein verpöntes Thema, aber es gibt Momente, in denen Eltern Hassregungen gegenüber ihren Kindern empfinden.
Natürlich lieben Eltern ihre Kinder. Das ist eine Tatsache. Dennoch liegen Liebe und Hass nahe beieinander.
Wenn wir Hassregungen gegenüber unseren Kindern bemerken, sollten wir besonders aufmerksam sein. Denn das ist DAS Stichwort, in sich selbst hineinzuhorchen.
Das Kind selbst ist NICHT der eigentliche Adressat des Hasses, sondern das, was es dir spiegelt. Und dieses Gefühl gehört dir, es hat (wie oben beschrieben) nichts mit deinem Kind zu tun. Du musst die Verantwortung für deine Gefühle übernehmen.
Du kannst dir folgende Fragen stellen, um auf den wahren Ursprung deiner Hassregungen zu kommen:
- Welches meiner Bedürfnisse wird gerade nicht erfüllt? Was brauche ich?
- Was genau hat meinen Hass ausgelöst? Ist es das Verhalten meines Kindes? Oder eine Situation, in die mein Kind nur verwickelt ist?
- Wie fühlt sich der Hass an? Ist er von kurzer Dauer oder anhaltend? Welche Gefühle begleiten ihn (Wut, Angst, Ekel)?
- Warum habe ich hier und jetzt den Wunsch, meinem Kind aus dem Weg zu gehen? Warum stuft mein innerer Kompass mein innig geliebtes Kind als gefährlich für mich ein?
- Habe ich das Gefühl, mein Leben nicht leben zu können?
- Läuft es im Moment nicht so, wie ich es mir wünsche? Bin ich in meiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt?
Letzteres ist ein häufiger Reibungspunkt zwischen dem Kind in der Autonomiephase und den Eltern. Manche nennen das auch die Trotzphase. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.
Jetzt bin ich am Ende meines Artikels angelangt und würde gerne wissen, welche körperlichen Symptome du hast, wenn du Hassgefühle in dir spürst?
Alle Kommentare und Fragen sind willkommen. Du kannst mir auch Vorschläge machen, was du als nächstes in der „Was will mir … lesen möchtest.
Bis zum nächsten Mal!
(*) Das ist ein Affliate Link, was eigentlich nur bedeutet, dass du -falls du das Buch über diesen Link kaufst – den normalen Kaufpreis bezahlst und ich nur eine kleine Provision davon bekomme. Damit unterstützt du meine Arbeit. Danke 🙂


Danke für den gut erklärten Artikel und die Erarbeitung schwieriger Themen, die unserer jetztigen Gesellschaft sehr zu spüren sind….