Machtstreben, auch Geltungsstreben genannt, ist die Gegenform des Gemeinschaftsgefühls. Es zeugt von einem unvermeidlichen Minderwertigkeitsgefühl. (Alfred Adler sprach an einigen Stellen seiner Schriften auch vom „Streben nach Überlegenheit“).
Das Machtstreben führt auf die „unnütze Seite“ des Lebens. Hier richtet sich das Leben nach dem Wunsch nach Ausübung von Macht über andere. Adler hält dies für ungesund, neurotisch und krankhaft.
Denn alle neurotischen und krankhaften Eigenschaften eines Menschen lassen sich auf einen Mangel an Gemeinschaftsgefühl und damit auf ein Minderwertigkeitsgefühl (-komplex) und dessen Kompensation, das Machtstreben, zurückführen. Alle Umgangsformen, die dem Machtstreben und nicht dem Gemeinschaftsgefühl dienen, lehnt Adler ab, da sie seinem Menschenbild widersprechen.
Wenn das Leben sich dem Streben nach Macht zuwendet.
Im Artikel „Was ist das Minderwertigkeitsgefühl“ habe ich dargelegt, dass der Mensch in einer Minderwertigkeit lebt. Der Mensch hat aber gleichzeitig diese absolut ausgezeichnete angeborene Fähigkeit, das Gemeinschaftsgefühl zu entfalten und damit sein Streben nach Vollkommenheit zu erfüllen.
Strebt der Mensch also idealerweise nach Entfaltung seines Gemeinschaftsgefühls, sind seelische Gesundheit und Lebensglück garantiert.
Das Streben nach Vollkommenheit gibt es auch in anderen Formen. Diese sind in sich mit der gleichen Energie und dem gleichen Wunsch verbunden, die der Mensch als Gemeinschaftsmensch erreicht. Aber mit dem Streben nach Macht geht der Mensch in die Irre.
Ich halte noch einmal fest: In dem Moment, wo der Mensch an seinem Wert grundsätzlich zweifelt, entsteht eine neue Lebenslinie.
Das fängt schon damit an, dass der Mensch sich sozial erniedrigt oder den anderen unterlegen fühlt. Er glaubt, alle anderen seien ihm überlegen, und alle halten ihn für minderwertig.
Wer so empfindet, strebt natürlich danach, die Überlegenheit der anderen zu überwinden. Und das ist genau das, was Adler als Geltungsstreben / Machtstreben / Überlegenheitsstreben bezeichnet.
Kurze Gründe, warum das Machtstreben zu nichts führt
- Ehrlich gesagt, kann der Versuch, anderen überlegen zu sein, dich zu einem Gemeinschaftsmenschen machen? Könntest du als ein solcher Mensch ein angenehmer Zeitgenosse sein?
- Das Machtstreben überwindet leider nie das Minderwertigkeitsgefühl. Man wird zum Gegenmenschen, obwohl man sich danach sehnt ein Mitmensch zu sein.
- Das Machtstreben bringt keinen sicheren Platz im Leben, die Bedrohung vom Thron zu fallen ist immer da und es ist nie genug. (Man muss immer Leistung bringen, immer unter Kontrolle sein, immer Macht demonstrieren, immer nett sein usw.).
- Es gibt keine Zufriedenheit und keine Ruhe. Man steht ständig unter Strom. Dieser Dauerstress führt zu verschiedenen psychischen Belastungen und langfristig zu somatischen und psychischen Erkrankungen.
- Das Machtstreben führt zu einer Verschwendung innerer Ressourcen, da diese ständig für eine scheinbare Überlegenheit eingesetzt werden.
- Das bedeutet auch, dass man sein wahres Potenzial nicht entfalten kann, wenn man ständig mit dem Außen beschäftigt ist und nie zu sich selbst findet. Man kann nicht zu dem werden, der man ist, wenn man sich ständig an anderen misst. Denn jeder Mensch ist einzigartig.
Charakterzüge
Das Machtstreben zeigt sich in der Haltung, den Charaktereigenschaften und dem Selbstverständnis des machtstrebenden Menschen. Er glaubt, übermenschliche Gaben und Fähigkeiten zu besitzen. Dies artet dann in überzogene und unerfüllbare Ansprüche an sich selbst – und vor allem an seine Mitmenschen – aus.
Der machtstrebende Mensch räumt sich und seinem Versagen eine Sonderstellung ein. Diese Sonderstellung verteidigt er mit allen Mitteln, auch unter Schmerzen, Klagen und Schuldgefühlen. Diese Sonderstellung ist sein Super-Alibi, warum er kein Gemeinschaftsgefühl in sich trägt.
Folgende Haltungen und Charakterzüge sind beobachtbar:
1. Überheblichkeit:
- Eitle Erscheinung: Dies kann entweder sehr edel oder sehr ungepflegt sein.
- Geschlechterrollenstereotype: Männliches Auftreten bei Frauen und weibliches bei Männern.
- Dauerhafte Negativität: „Ja-Aber“-Mentalität, führt dazu die Fehler und Schwächen anderer zu kritisieren oder hervorzuheben.
- Dominantes Auftreten: Kontrolle und Unterordnung von Schwächeren, Kranken oder sozial „niedrigeren“ Personen.
- Arroganz und Prahlerei: Hochmut, Gefühlsüberschwang, Snobismus, Prahlsucht und tyrannisches Verhalten.
- Nörgelndes Verhalten: Ständige Unzufriedenheit und Kritik an allem und jedem.
2. Anbiederung und Heroenkult:
- Promi-Fixierung: Übertriebene Verehrung von Prominenten und Anbiederung an sie.
- Ständige Betonen der eigenen Besonderheit: Häufiges Hervorheben der eigenen „Einzigartigkeit“, um sich wichtig zu machen.
- Egozentrik: Das Gespräch ständig auf die eigene Person lenken und andere ignorieren.
3. Fixierung auf die Vergangenheit:
- Vergangenheitsbewältigung: Ständiges Grübeln über Misserfolge und erlittene Ungerechtigkeiten.
- Rückzug aus der Gemeinschaft: Wenn Ablehnung und die Angst vor dem Scheitern droht
4. Abwertung und Entwertung:
- Missbrauch von Ideen: Wertvolle Ideen und Strömungen werden missbraucht, um andere zu entwerten.
5. Affektsteigerungen:
- Extreme Emotionen: Unkontrollierbare Ausbrüche von Zorn, Rachsucht, Trauer oder Enthusiasmus, charakteristisch schallendes Lachen.
- Vermeidung von Kontakt: Weghören und Wegblicken bei Begegnungen mit anderen.
- Oberflächlicher Enthusiasmus: Scheinbare Begeisterung für belanglose Themen.
6. Besondere Sonderstellung:
- Überzeugte Einbildungen: Glaube an telepathische Fähigkeiten oder „prophetische Eingebungen“.
Hinweis:
Die Ausprägung der einzelnen Haltungen und Charakterzüge kann von Mensch zu Mensch stark variieren. Je nachdem, wie stark das Minderwertigkeitsgefühl (-komplex) und damit die Kompensation des Machtstrebens ausgeprägt ist.
Diese Charakterbeschreibungen sind dem Artikel „Überlegenheitskomplex“ von Alfred Adler entnommen. Er hat eigentlich davor gewarnt, diese Beobachtungen jemandem an den Kopf zu werfen. Da du nun hier bist und das liest, gehe ich davon aus, dass du aus freiem Willen hier bist, um neue Denkprozesse anzuregen oder Denkfragen zu klären.
Aber ich gebe die Warnung von Adler pflichtbewusst weiter. Es ist nicht förderlich für die Gemeinschaft (eher hinderlich), jemanden vor den Kopf zu stoßen und zu sagen: „Hey, du hast einen echten Überlegenheitskomplex, hier ist ein Artikel, der dir zeigt, was für ein Gegenmensch du bist“.
Die Bedeutung des Machtstrebens für die Gemeinschaft
Ein Mensch, der mit dem Machtstreben durchs Leben geht, hat Einfluss auf die Menschen in seiner Umgebung.
Machtstrebendes Verhalten führt zu einem Ungleichgewicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Es liegt in der Natur des Menschen, Ungleichgewichte auszugleichen. Dieser Balanceakt geht auf Kosten anderer.
Menschen, die einen Kompromiss, ein Miteinander und ein Zusammenleben anstreben, leiden unter Machtstrebenden. Es ist ein stiller, unverstandener Kampf. Ein „Aussteigen“ ist oft nicht drin, weil es nie im Sinne der Gemeinschaft ist.
Wenn soziale Spielregeln gebrochen werden, entsteht ein enormer Leidensdruck auf Seiten der Menschen, die dem machtstrebenden Verhalten ausgesetzt sind. Denn der Machtstrebende setzt alle seine Mittel für seine persönliche Überlegenheit ein, statt sie für die Kooperation zu nutzen.
Ein machtstrebender Mensch bewirkt durch seine Misserfolge, dass die Entwicklung aller aufgehalten wird. Denn die Ressourcen aller sind darauf gerichtet, diese Fehlschläge zu korrigieren. Zum Beispiel in Form von Verstehen, Strategien entwickeln und Verarbeiten.
Ein Lichtblick
Ich habe jetzt alle unschönen Begleiterscheinungen des Machtstrebens aufgezählt, vielleicht hast du dich in dem einen oder anderen Punkt wiedergefunden.
Je tiefer das Minderwertigkeitsgefühl ist, desto heftiger ist das Machtstreben, das das Minderwertigkeitsgefühl kompensieren will (Stichwort: Ungleichgewicht ausgleichen).
Aber jetzt kommt der Lichtblick: Machtstreben ist nur eine Reaktion auf Minderwertigkeitsgefühle. Es ist weder angeboren noch unveränderbar.
Jeder Mensch hat jedoch die angeborene Fähigkeit zur Gemeinschaft in sich. Er muss sich dessen nur bewusst werden und daran arbeiten.
Das Machtstreben ist nur eine von Illusionen und Lügen durchdrungene Strategie, um das innere Bedürfnis nach Vollkommenheit mit allen Mitteln zu befriedigen – da man es nicht mit dem Gemeinschaftsgefühl gelernt hat. Und da diese Strategie eben nichts Greifbares und Nützliches bietet, ist ihr Werk nicht erfüllend.
Was du dir aus diesem Artikel mitnehmen kannst
Das Streben nach Erfolg oder Glück durch Überkompensation bringt dir nichts. Überkompensation bringt dir keinen Erfolg und kein Zugehörigkeitsgefühl. Also, so erschreckend es klingt, die Bemühungen sollten auf Mitmenschlichkeit abzielen.
Machtverhalten wirkt sich nicht nur auf die eigene Psyche aus, sondern auch auf die der Mitmenschen.
In unserer Zeit, in der uns Selbstzweifel propagiert werden, bietet das Leben nur Unsicherheiten. Da scheint das Streben nach Macht die Lösung zu sein.
Aber diese Lösung spaltet uns Menschen, polarisiert, teilt uns in Gruppen auf und bringt auf Dauer keine Sicherheit im Leben für die Gemeinschaft und damit auch nicht für jeden Einzeln. Es ist ein Rückschritt – kein Fortschritt zur Einheit.
Es ist gewinnbringender für die Menschheit, wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, wie wir eine andere Lösung finden können. Welche Ideen hast du? Lass mich an deinen Gedanken teilhaben und schreibe sie in die Kommentare.
Auch Anregungen, Kritik und Feedback sind willkommen. Durch die Kommentare entsteht ein Austausch, ein Dialog. Und das ist doch super für das Zugehörigkeitsgefühl, oder? 🙂


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