Die innere Stimme Aus der Welt der anderen in meine eigene

Vor kurzem gab es einen halben Nachmittag, wo ich mein bisheriges Leben aus der Vogelperspektive Revue passieren ließ. Als Fremde mein Leben anzusehen, hat mir etwas ganz klar vor Augen geführt…

Bevor ich meine Erkenntnisse mit dir teile, musst du wissen: Ich bin mit einem unglaublich starken Geist aufgewachsen. Kopftechnisch also. Mein Vater ist wirklich ein brillanter Kopf. Die Art, wie er denkt und die Welt sieht, ist für so viele Menschen nützlich und augenöffnend. Dafür bewundere ich ihn. Da ich meinen Vater unglaublich lieb habe, musste ich das jetzt vorweg sagen. Denn nun kommt meine Sicht, 32 Jahre später:

Aus der Welt des anderen in meine eigene Welt

Die Sache mit einem brillanten Kopf ist: Seine Argumente sind unglaublich gut und manchmal willkürlich, ergeben am Ende aber doch einen Sinn. Es ist, als ob er das Leben wie ein Schachbrett sieht und meinen letzten Zug erahnen kann, bevor ich beginne.

Sein Ziel war es, seine Tochter vor der Welt außerhalb seines Schachbretts zu beschützen. Das ist definitiv ehrenwert und gut gespielt.

Als Jugendliche habe ich mich jedoch missverstanden gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass meine Art zu denken anders ist – weniger absolut, mehr im Fluss. Ich spürte: Es gibt mehrere Möglichkeiten und nicht nur den einen Weg. Ich weiß noch, wie ich immer sagte: „Aber das kann doch ganz anders sein! Wir kennen doch gar nicht die Absicht des anderen.“

Doch die zweifelnde Stimme in meinem Kopf … Oh, waren wir verstritten! Ich rede hier nicht von ab und zu, sondern von einer dauerhaften Kluft. Meine innere Stimme des Zweifels war permanent da, wurde aber von der brillanten Stimme meines Vaters übertönt.

Meine innere Stimme hatte schon immer eine instinktive Ablehnung gegenüber gesellschaftlichen Normen und Konventionen. Sie verlangt radikale Eigenständigkeit im Denken und ist auch rebellisch.

Erste Schritte zu meiner eigenen Stimme

Ich hatte das Glück, außergewöhnlich wunderbare Freundinnen zu haben. Bei ihnen konnte meine innere Stimme zur Ruhe kommen und sogar von Nutzen sein. Rückblickend merke ich, dass dies meine ersten Schritte waren, um meine innere Stimme anzuerkennen, zu erproben, weiterzuentwickeln und wachsen zu lassen.

So begleitete ich zum Beispiel eine Freundin dabei, aus einer manipulativen Beziehung herauszukommen. Meinem Vater wäre diese Freundin kein guter Umgang gewesen, doch ich sah in ihr, was gehalten werden musste.

Ich begleitete eine weitere Freundin, ihr tief verletztes Selbstwertgefühl wiederzufinden und fand damit auch meines wieder. Und einer Freundin war ich schon in jungen Jahren die Stütze, die sie brauchte, um zwischen vier Brüdern zu bestehen und sich als Frau zu akzeptieren.

Meine zweifelnde innere Stimme fragt mich gerade, warum ich mich denn rühmen will. Doch eigentlich tue ich das nicht, um mich zu beweisen, sondern um meine Erinnerungen festzuhalten, die mir heute so wichtige Ressourcen sind. Denn diese Erinnerungen habe ich außerhalb der Welt meines Vaters erschaffen.

Triggerwarnung: In diesem Abschnitt spreche ich über Suizidgedanken und -erfahrungen. Wenn dieses Thema gerade schwierig für dich ist, überspringe den Teil bitte oder lies ihn in einem Moment, in dem du dich sicher fühlst.

Schmerzhafte Weckrufe

Eine dieser Erinnerungen ist bis heute schmerzhaft präsent. Mein Sitznachbar in der Schule war ein stiller Junge, nicht viele Freunde, nicht gemobbt, aber immer für sich. Ich war so in meiner eigenen Welt gefangen, dass ich sein Leid nie bemerkte.

Eines Tages drehte er sich zu mir um und sagte: „Merve, du bist immer so nett zu mir, danke.“ Kurz darauf erfuhr ich, dass er versucht hatte, Suizid zu begehen. Er wechselte die Schule, und soweit ich weiß, geht es ihm heute gut.

Doch dieses Erlebnis hat mich zutiefst geprägt. Du sitzt mit jemandem jahrelang zusammen und weißt nicht, was in ihm vorgeht.

Meine innere Stimme hatte mir schon damals zugeflüstert, dass etwas nicht okay war. Aber ich ließ sie von der erhabenen Stimme meines Vaters übertönen, der sagte: „So etwas würde niemand denken, weil es eine Sünde ist.“

Im Studium wiederholte sich das Muster. Eine Kommilitonin, die ich mochte, weil wir am selben Tag Geburtstag hatten, war immer fröhlich. Meine innere Stimme sprach wieder zu mir: “Da stimmt etwas nicht.” Doch wir waren nicht eng genug, und ich schwieg. Später erfuhren wir, dass sie Suizid begangen hatte.

Das war der Weckruf, den ich brauchte. Schmerzhaft, unerträglich. Es war, als hielte mir das Leben einen Spiegel vor: „Du glaubst, dich selbst zu kennen, aber wirklich tust du es nicht.“

🔔 Triggerhinweis Ende: Ab hier wird es wieder leichter. Du kannst entspannt weiterlesen.

Ich weiß, das war jetzt ein schweres Stück meiner Geschichte. Vielleicht hat es auch etwas in dir berührt. Falls du gerade merkst, dass es dir zu nah geht, atme einmal tief durch, spüre deine Füße auf dem Boden und komm ganz ins Hier und Jetzt zurück.

Mir ist wichtig, dass du weißt: Auch aus den dunkelsten Erfahrungen können Ressourcen wachsen, wie bei mir die Entscheidung, meiner inneren Stimme endlich zu vertrauen.

Meine innere Reise

Von da an begann meine Reise: diesmal tiefer als jedes Studium es je ermöglicht hätte. Ich akzeptierte, dass ich tiefer denke, tiefer fühle, tiefer bin als viele Menschen in meinem Umfeld. Ich habe es einfach nicht immer zugelassen – aus Angst vor Ablehnung.

Doch mit der Zeit änderte sich vieles. Ich bin noch nicht „fertig“, und vielleicht wird dieser Weg ein lebenslanger bleiben. Aber ich habe Frieden damit geschlossen.

Freundinnen oder auch Menschen, die ich gerade erst kennengelernt hatte, öffneten sich mir plötzlich. Es wurde normal, dass Tränen flossen, bevor der Kaffee überhaupt bestellt war. Meine innere Stimme war gefragt und sie konnte endlich nützlich sein, weil ich sie nicht länger wegdrückte.

Zwischen den Welten

Ich weiß, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen. Hallo?, ich bin Scheidungskind der komplizierten Sorte :). Ich weiß auch, wie es ist, zwischen den Welten zu stehen – zwischen Frausein und Kindsein, zwischen Westen und Osten, zwischen Freude und Trauer, zwischen dem Wunsch dazuzugehören und dem Drang nach Gerechtigkeit.

Heute weiß ich: Ich muss mich nicht entscheiden. Ich habe mich für das Dazwischen entschieden. Und Dazwischen ist auch ein Raum – schweizerischer als die Schweiz selbst 😉.

Vielleicht hat das auch etwas mit meinem Umzug hierher zu tun, aber das ist eine andere Geschichte.

In meine Kraft kommen

Auch in meiner Praktikumszeit in der Psychiatrie habe ich gelernt: Meine Tiefe ist Geschenk und Herausforderung zugleich. Manche Patientinnen wollten ausdrücklich mit mir sprechen, andere wollten mich nach einer Sitzung nie wiedersehen, weil ich zu tief gesehen hatte.

Das hat mich damals verunsichert, aber heute weiß ich: Genau das ist meine Kraft. Ich erkenne Muster, ich sehe Schatten, ich fühle, was unausgesprochen bleibt.

Und weißt du was? Ich brauche dafür nicht immer Argumente. Ein inneres Stechen reicht manchmal. Heute formuliere ich es taktvoller: „Du, ich spüre etwas – möchtest du darüber reden?“

Oft stellt sich dann heraus: Da war wirklich etwas.

Fazit: Raus aus der Welt der anderen

Mein Lebenspraktikum in der Welt meines Vaters hat mir viel gegeben. Ich weiß, wie sich fremde Gedanken, fremde Gefühle, fremdes Handeln anfühlen. Für meinen Beruf ist das Gold wert.

Aber heute weiß ich auch: Nicht alles, was in der Welt der anderen gilt, gilt in meiner. Und das darf so sein.

Genial, oder?

Was du für dich mitnehmen kannst

  • Wo lebst du vielleicht noch in der „Welt der anderen“ und wo schon in deiner eigenen?
  • Welche Stimmen in deinem Leben sind lauter als deine und wie unterscheiden sie sich von deiner inneren Stimme?
  • Wann hast du zuletzt gespürt, dass etwas nicht stimmt und hast du dir erlaubt, darauf zu vertrauen?
  • Wie würde dein Leben aussehen, wenn du deiner inneren Stimme mehr Raum geben würdest?

Vielleicht liegt deine größte Freiheit nicht darin,
gehört zu werden, sondern dir selbst zuzuhören.

Vielleicht erkennst du dich wieder: zwischen den Stimmen der anderen und dem Flüstern deiner eigenen. Vielleicht spürst du, wie leise deine innere Wahrheit manchmal ist und doch, wenn du innehälst, merkst du, dass sie nie verstimmt.

Denn am Ende ist es nicht die Welt der anderen, die dich trägt, sondern deine eigene. Und die innere Stimme, die dich schon dein Leben lang begleitet, wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Sie wartet darauf, dass du ihr vertraust.

Vielleicht inspiriert dich mein Text, deiner eigenen Stimme Raum zu geben. Schreib mir, was du spürst in den Kommentaren.

Ich freue mich von dir zu hören.

Merve

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

Manchmal reicht ein einziger Impuls und etwas in dir beginnt sich zu sortieren

Wenn du regelmäßig Raum für solche Gedankenmomente brauchst: Mein Newsletter - die Gedankenpost - bringt dir Tiefe, Ruhe und Weitblick direkt in dein Postfach. 

>

Entdecke mehr von DeinGedankenraum

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen