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Minderwertigkeitsgefühl

Das Minderwertigkeitsgefühl ist für viele ein Begriff. Wusstest du, dass Alfred Adler diesen Begriff geprägt hat? Was bedeutet Minderwertigkeitsgefühl? „Mensch sein heißt, sich minderwertig zu fühlen“, sagt Herr Adler ganz deutlich. Aber was ist damit gemeint? Ist es schlecht, sich minderwertig zu fühlen?

Ich weiß, dass es einem verdächtig vorkommt, wenn alles mit Minderwertigkeitsgefühlen begründet wird. Aber wenn man das Konzept dahinter versteht, dann ist es eigentlich so logisch.

Das Konzept und das Minderwertigkeitsgefühl erkläre ich hier in diesem Artikel:

Definition vom Minderwertigkeitsgefühl

Einfach ausgedrückt ist das Minderwertigkeitsgefühl das Gefühl der Unzulänglichkeit und Unterlegenheit. Komplizierter ausgedrückt: Man fühlt sich als Objekt und nicht als Subjekt.

Der Zustand der Minderwertigkeit hält so lange an, bis „eine Aufgabe, ein Bedürfnis, eine Spannung nicht gelöst ist“. (Adler: Sinn des Lebens*)

Der Mensch will sich natürlich zugehörig fühlen (in der Individualpsychologie wird dies als Zugehörigkeitsgefühl bezeichnet). Der Mensch, der an seinem eigenen Wert und seinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln beginnt, entwickelt Minderwertigkeitsgefühle. Das Minderwertigkeitsgefühl ist also die subjektive Antwort auf das subjektive Erleben der eigenen Mangelsituation.

Überwundene organische Minderwertigkeit

So stellte Adler fest, dass Kinder, die ihre organische Minderwertigkeit überwinden, aufmerksamer und interessierter für ihre Mitmenschen werden. Sie entwickeln sich zu mutigen und starken Persönlichkeiten. Sie wachsen enorm an dieser Überwindung. Außerdem entwickeln sie

  • eine bessere auditive und visuelle Wahrnehmung
  • bessere Leistungen
  • schließen Freundschaften
  • sind gute Mitspieler und Kollegen
  • bewältigen Schwierigkeiten besser
  • fühlen mit dem Herzen

Das ist das Ergebnis ihrer Entscheidung, Mitmensch und nicht Gegenmensch zu sein. Weil sie sich nicht im Feindesland, sondern in der Gemeinschaft fühlen.

Wenn das Minderwertigkeitsgefühl nicht überwunden wird…

Minderwertigkeitsgefühle können durch falsche Erziehungsstile (z.B. Strenge, Verwöhnung, Vernachlässigung) für einen selbst schwer zu überwinden sein. Wenn dieser Mangel in der Erziehung in außerhäuslichen Institutionen (wie Kindergarten, Schule, Vereinen usw.) nicht behoben wird und man selbst das Gefühl hat, im Feindesland zu leben, dann ist das Minderwertigkeitsgefühl die subjektive Antwort auf diese Mangelsituation. Es kann sich im Charakter manifestieren.

Das könnte so aussehen:

  • Selbstzweifel
  • Lebensneid
  • soziale Angst
  • Perfektionismus
  • Unter- oder Überschätzung der eigenen Fähigkeiten
  • Geringes Selbstwertgefühl: kompensatorisches Verhalten, das andere abwertet, um den eigenen Wert hervorzuheben.
  • Drang, andere zu beherrschen oder zu kontrollieren

Viele Neurosen haben ihren Ursprung in Minderwertigkeitsgefühlen.

Formen des Minderwertigkeitsgefühl

Das Minderwertigkeitsgefühl hat jeder Mensch in sich, es ist sozusagen fast obligatorisch, dass der Mensch sich minderwertig fühlt. Adler sagt auch sehr weise: “Mensch sein heißt, sich minderwertig zu fühlen”.

Das heißt nicht, dass man diesem Gefühl völlig ausgeliefert ist. Also kein Grund zur Resignation. Denn natürlich spielt das Minderwertigkeitsgefühl eine große (und manchmal tragische) Rolle im Leben, aber wie du damit umgehst, bestimmt die Richtung deines Lebens.

Biologische Minderwertigkeit

Dieses Minderwertigkeitsgefühl betrifft die gesamte Menschheit. Es ist einfach logisch, denn der Mensch kommt mit körperlicher Stärke auf die Welt. Durch diese Eigenschaft der Stärke und des Intellekts sind wir quasi gezwungen, uns in Gruppen zusammenzuschließen. Der Zweck ist einfach: Überleben.

Wie schon gesagt, kann das Minderwertigkeitsgefühl nur dann aufflammen, wenn der Mensch an seinem eigenen Wert und seinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln beginnt. Diese Zweifel können nur mit der Existenz von Mitmenschenentstehen. Denn der Zweifel gründet in unserem eigenen Urteil über uns selbst. Für dieses Urteil brauchen wir Menschen zum Vergleich.

Evolutionär gesehen sind wir eben viele. Deshalb zwang das aufkommende Minderwertigkeitsgefühl unsere Vorfahren, es zu überwinden. Sie lernten, die Kräfte der Natur (in sich selbst und in der Umwelt) klug zu nutzen.

Soziales Minderwertigkeitsgefühl

Das Minderwertigkeitsgefühl ist immer subjektiv; es ist nur möglich, wenn man sich mit anderen vergleicht.

Diese Form des Minderwertigkeitsgefühls verbindet die Menschen nicht miteinander, sondern bringt sie in Konflikt.

Das soziale Minderwertigkeitsgefühl wird dem Kind vom ersten Atemzug an eingeimpft. Das Kind ist klein, hilflos, schwach und unfähig im Vergleich zu den Fähigkeiten der Eltern, Geschwister etc. So wird es wahrgenommen, so wird es behandelt.

In der Tat hat das Kind auch in der heutigen Erziehung nur wenig Gelegenheit zum Erleben der eigenen Stärke und Fähigkeiten. Stattdessen werden Kinder verzärtelt, bestraft oder in der Annahme der Mangelhaftigkeit bestärkt.

Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der Wettbewerb und Konkurrenz den Ton angeben, setzen wir Kinder der gefährlichsten Erniedrigung aus, die es gibt. Tatsächlich trichtert die Gesellschaft dem heranwachsenden Kind ein, dass es nur dann etwas wert ist, wenn es stärker und fähiger ist.

Im Idealfall sollte das Kind das Gefühl haben, dass es so, wie es ist, wertvoll ist.

Kosmisches Minderwertigkeitsgefühl

Das kosmische Minderwertigkeitsgefühl verbindet uns wieder. Mit der geistigen Fähigkeit kommt die Erkenntnis, dass der Mensch ein Sandkorn im ganzen Universum ist, dass der Tod eine sichere Tatsache ist, der man nicht entrinnen kann, und dass die Existenz begrenzt ist.

Religion, Philosophie und Kunst sind nach Adler kompensatorische Errungenschaften des kosmischen Minderwertigkeitsgefühls. Durch die Kompensation des kosmischen Minderwertigkeitsgefühls entdeckt der Mensch seine individuelle Schöpferkraft, die Suche nach der Ewigkeit, eine persönliche Beziehung zu höheren Mächten und die Kontrolle über das eigene Schicksal.

Richtung des Lebens

Der Mensch wird also in einer Minderwertigkeit geboren, mit der Fähigkeit, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Klingt kompliziert, bedeutet aber eigentlich nur, dass sich der Mensch von Geburt an in vielen Bereichen (wie oben beschrieben) minderwertig fühlen kann. Der Mensch hat aber gleichzeitig diese enorm coole Fähigkeit und den Drang, ein Gemeinschaftsmensch zu werden.

Wenn man dieses Minderwertigkeitsgefühl überkompensiert, wird man zum Gegenmenschen. Alle Verhaltensweisen (auch die sozial als “gut” eingestuften) zielen darauf ab, eine persönliche Überlegenheit gegenüber den Mitmenschen zu erlangen. (Stichwort: krasser Konkurrenzkampf) Diese Lebensorientierung und Motivation ist als fehlerhaft einzustufen.

Die Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls befreit jedoch von diesem Irrtum. Erst durch das erlebte Gemeinschaftsgefühl kann der Mensch sein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit überwinden.

Die Richtung des Lebens, die auf das Streben nach Gemeinschaft ausgerichtet ist, ist also das Ideal. Das, was wir Lebensglück nennen.

Kann das Minderwertigkeitsgefühl auch gut sein?

Konkurrenz ist doch manchmal – wenn sie nicht hässlich wird – auch etwas Gutes, oder? Das könnte man doch auch als nützlich bezeichnen.

Dass diese Frage überhaupt aufkommen kann, ist ein Beweis für unsere globalen Erziehungsfehler. Wir sind getrieben von der Angst zu versagen (“Minderwertigkeitsgefühl”). Diese Angst wird dem Kind in der klassischen Erziehung langsam eingeimpft. Und der Erwachsene ist dieser Minderwertigkeit sein Leben lang ausgesetzt.

Wir Menschen können nie und nimmer, in keinem Leben, in dem jeder ehrlich ist, immer 100 % leisten. Es ist überhaupt nicht möglich, den ständig wechselnden Vergleichen und Idealen gerecht zu werden. Selbst wenn man seine 100% gibt, macht ein sozialer Vergleich deine 100% sofort null und nichtig. Nix nada. Du fühlst dich wie ein Verlierer.

Diese Konkurrenz- aka Leistungsgesellschaft zwingt uns also dazu, uns ständig minderwertig zu fühlen.

Das ist so krass, dass wir uns gar nicht vorstellen können, etwas zu leisten oder geleistet zu haben, ohne diese Entwertung. Das ist eine traurige Tatsache, die uns zum Gemeinschaftsgefühl führen sollte. Denn das ist der einzig positive Zweck des Minderwertigkeitsgefühls: Hast du das Gefühl entdeckt, wende dich dem Gemeinschaftsgefühl hin, somit bist du auf der nützlichen Seite des Lebens.

Was bringt es, Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden?

Nun, es klingt fast blasphemisch, aber es gibt sogar Studien, die belegen, dass wir Menschen ohne Versagensangst und mit Erfolgsmotivation mehr erreichen und uns besser entwickeln. Zur Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls kommt also noch ein Bonus hinzu: Wir fühlen uns gebraucht und zugehörig.

Diese Erkenntnis haben sich viele Unternehmen zunutze gemacht. Zufriedene Mitarbeiter, die sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen, erzielen einfach bessere Ergebnisse.

Wenn du ein Gemeinschaftsgefühl hast, bist du ein sozialer Mensch und erfüllst alle deine Lebensaufgaben. Du fühlst dich mit der Welt verbunden und möchtest etwas bewirken. Du bist ein Teil von etwas Größerem und das macht dich glücklich. Du fühlst dich geschätzt und gebraucht, und du weißt, dass du einen Beitrag leisten kannst.

Kann man erfolgreich sein und sich trotzdem minderwertig fühlen?

Ja, das ist möglich. Ich finde das immer sehr traurig. Denn egal, wie erfolgreich jemand ist, egal, was für tolle Sachen er für die Gemeinschaft macht, egal, was er leistet, das Minderwertigkeitsgefühl ist in dieser Person, es ist wie das Gift des Selbstzweifels.

Ich finde das sehr traurig, weil die Person sich einfach nicht an ihrem Erfolg und ihrer Arbeit erfreuen kann. Sagen wir, ein Arzt, der Leben rettet, trägt dieses Minderwertigkeitsgefühl in sich. Seine Arbeit ist unersetzlich, keine Frage. Aber er wird in diesem Erfolg keine Sicherheit für sich selbst finden. Und genau das ist traurig: Wenn ein Mensch, der für unsere Gesellschaft so wertvoll ist, das Gefühl hat, keinen Platz in unserer Mitte zu haben. Wenn er sich “ausgeschlossen” fühlt.

Minderwertigkeitskomplex

Das Minderwertigkeitskomplex ist gleichbedeutend mit einer Bankrott-Erklärung, der Deklaration einer Unfähigkeit, gewisse Probleme des Lebens zu lösen.

Fast hätte ich den Minderwertigkeitskomplex erfolgreich vergessen. 😃 nehmen wir ihn noch mit, bevor der Artikel zu Ende ist.

Adler bezeichnet das Minderwertigkeitsgefühl als ein „positives Leiden“, dessen Überwindung hilft, über sich selbst hinauszuwachsen und ein besserer Mensch zu werden. Das Minderwertigkeitsgefühl ermöglicht eine Kompensation der Leistung. Das habe ich oben schon beschrieben.

Der Minderwertigkeitskomplex hingegen macht genau das Gegenteil. Es ist das stärker ausgeprägte und nicht überwundene Minderwertigkeitsgefühl. Der Mensch hört auf, sich anzustrengen. Man kann sich das wie ein völliges Aufgeben vorstellen. Hier nutzt der Mensch nun Sicherungstendenzen, um seine eigene Unwilligkeit und Unfähigkeit zu verschleiern.

Minderwertigkeitskomplexe sind Verhaltensstörungen, die durch ein mangelndes Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Das Verhalten einer Person mit Minderwertigkeitskomplex

Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen suchen oft nach negativen Wegen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie tun dies, indem sie sich in unbedeutenden Lebensbereichen hervortun oder indem sie die Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer durch ihr Leiden erzwingen. Sie glauben, dass sie nur dann etwas wert sind, wenn sie leiden. Sie wollen zeigen, dass sie bereit sind, Opfer zu bringen, um andere zu beeindrucken.

Für die Unwilligkeit und Unfähigkeit werden die Umwelt, die Umstände, die inneren Kräfte oder auch gern genutzte Symptome verantwortlich gemacht. Auf diese Weise wird Zeit und Distanz gewonnen und damit der Aktionsradius enorm eingeschränkt wird (das Ziel, das erreicht werden soll).

Das sieht dann so aus: Ständige Ausreden/Entschuldigungen zur Erklärung des Versagens.

Diese Menschen bewegen sich auf der “nutzlosen Seite des Lebens”. Ihre Anstrengungen beschränken sich auf das Überleben.

Adler beschreibt folgende Formen des Verhaltens mit Minderwertigkeitskomplexen:

  • Schüchternheit
  • Erregungszustände (physische und psychische Symptome)
  • Überlegenheitskomplex
  • Streitsucht
  • Spielverderber
  • Mangel an Kameradschaft
  • Lügen
  • Neigung zum Diebstahl
  • Häufiger Schulabbruch (da das ständige Messen und Vergleichen mit tüchtigeren Kindern nicht zu einer Verbesserung, sondern eher zu einer Abstumpfung führt).

Personen mit Minderwertigkeitskomplexen haben eine geringe Bereitschaft, Risiken einzugehen. Sie sind unsicher und haben Angst vor dem Versagen. Diese Ängste können dazu führen, dass sie sich zurückhalten und sich nicht trauen, neue Dinge auszuprobieren.

Adler beobachtete dies bei arroganten Menschen, die keinen Mut zeigen, wenn es darum geht, nützliche Arbeit zu leisten.

Leider wird der Minderwertigkeitskomplex zum Dauerzustand, wenn das Versagen in der Schule, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft und in der Liebe für die Person spürbar wird.

In diesem Fall ist eine tiefenpsychologische Therapie eine Hilfe zur Auflösung und Überwindung dieses Minderwertigkeitskomplexes.

Zum Schluss? Gibt es einen Schluss?

Es gibt viel zum Gefühl der Minderwertigkeit zu sagen. Verstehst du jetzt, warum die Individualpsychologie das Minderwertigkeitsgefühl für alle Fehlleistungen des Menschen verantwortlich macht? Über einige dieser Fehlleistungen schreibe ich in meiner humoristisch geschriebenen Serie: “Was will mir … sagen”.

Wenn ich jetzt von Fehlleistungen spreche, meine ich nicht jeden Fehler, den ein Mensch machen kann. Denn Fehler machen ist menschlich. Was aber zu den Fehlern gehört, ist, wenn man jemandem wegen seiner Fehler seinen Wert nimmt. Und das hat viele Formen. Möchtest du mir in den Kommentaren schreiben, was du denkst, welche Fehlleistungen du kennst?

Im Zeitalter des “Sei, wer du bist”, in dem jeder mit der Frage “Wer bin ich überhaupt?” beschäftigt ist, kann ich in Adlers Philosophie vorwegnehmen, dass das Minderwertigkeitsgefühl immer bestrebt ist, seine Mangelhaftigkeit vor allen anderen zu verbergen (denn es will ja Überlegenheit gewinnen). Das ist der einzige Grund, warum du nicht sein kannst, wer du bist (falls dich diese Frage beschäftigt), denn dein Minderwertigkeitsgefühl will nicht, dass du so bist, wie du bist. Und du fühlst es wie eine Maske, hinter der du dein wahres Gesicht versteckst.

Dein wahres Ich kann durch das Gemeinschaftsgefühl zum Vorschein kommen. Und da ist es praktisch, dass diese Fähigkeit zum Gemeinschaftsgefühl schon in uns steckt. 🙂

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