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Ein unerkanntes Gefühl… Alles, was wir nicht benennen, beschreiben oder erklären können, hat eine unsichtbare Macht. Es macht etwas mit uns, oft nichts Positives für unser Leben, wenn etwas in der Luft schwebt. Manche Menschen beschreiben es so, als könnten sie nicht mehr selbst bestimmen, was sie tun. Es gibt Momente, da bricht es aus ihnen heraus. Man kann es nicht kontrollieren. Es gibt nur einen Weg, dies dauerhaft zu ändern: Indem du dich mit dir selbst beschäftigst und lernst, deine eigenen Gefühle zu erkennen. Wie das geht, erkläre ich dir in diesem Artikel.

1. Schritt: Bestandsaufnahme

Oft ist es so (auch wenn man zu den Menschen gehört, die ihre Gefühle eher verdrängen und nur schwer Zugang zu ihnen finden), dass man überhaupt keinen Überblick über seine Gefühle hat. Deshalb ist es wichtig, im ersten Schritt eine Bestandsaufnahme zu machen.

Nehmen wir Jenny vom letzten Mal, sie war verzweifelt. Nun, ich als Schreiberin weiß, dass sie verzweifelt ist, aber Jenny kann es nicht so benennen. Sie sagt: „Heute ist so ein verdrehter Tag, was rede ich da, die ganze Woche ist verdreht. Nichts funktioniert, nichts geht voran. Ich habe einen Vollzeitjob, ich muss Überstunden machen, ich habe keine saubere Wäsche mehr, ich sehe aus wie ein Schwein, und alle um mich herum scheinen mich nur zu nerven“. Also übersetzt sagt Jenny: „Ich bin überlastet, verzweifelt, unzufrieden, verwirrt und niedergeschlagen.“

Das ist ein riesiger Gefühlscocktail, den man sich nicht besser mischen kann. Diese unbekannten Zutaten im Gefühlscocktail können verwirrend sein und zu Frustration führen, weil man das Gefühl hat, dass man seiner Situation nicht so schnell „entkommen“ kann. Wir wollen auch nicht fliehen (wie Aschenputtel), sondern den Schuh direkt anziehen.

2. Schritt: Sag „Hallo“ zum Gefühl

Das klingt jetzt vielleicht etwas albern. Kunst ist eben nicht immer „normal“, manchmal macht es Sinn, von der Norm abzuweichen, um ins Zentrum des Lebens zu gelangen. Also sagen wir „Hallo“ zum ersten Gefühl, das wir aus dem Gefühlscocktail erkennen. Unsere Jenny erkennt nach einigem Nachdenken: „Ich bin verzweifelt.“ Also Verzweiflung.

Also, Jenny, schließe deine Augen und stell dir einen Ort vor, an dem du dich wohl fühlst. Oder lass die Augen offen und schau dir den Platz gegenüber oder neben dir an. Tu, was dir gut tut. Nun lass die Verzweiflung kommen und sich auf den Platz gegenüber oder neben dir setzen. Begrüße ihn: „Hallo liebe Verzweiflung, ich sehe, du willst mich besuchen. Schön, dass du da bist. Du bist hier aus einem Grund, den ich noch nicht kenne. Ich bin gespannt, wie du mir helfen willst.“

Ich erkläre dir, was gerade passiert ist: Indem Jenny genau hinsah und die Verzweiflung akzeptierte, nahm sie Gestalt an. Es ist kein schlechtes Gefühl mehr, sondern etwas, das Form und Gestalt hat. Und ich persönlich denke: Wenn man zu etwas Bekanntem „Hallo“ sagen kann, kann man nicht gleichzeitig Angst davor haben. Es ist ja ein bekannter Freund. Manche Gefühle dürfen auch sein wie der lustige, nervige Onkel, den man immer bei Familienfeiern sieht. Aber ohne ihn würde sich eine Familienfeier ja auch nicht so richtig nach Familienfeier anfühlen, oder? 🙂

Jetzt weiß Jenny, welches Gefühl vor ihr liegt. Aus dem ganzen Gefühlscocktail kennt sie nun eines. Das ist auch in Ordnung. Denn es gibt sicher einen Grund, warum Jenny „Verzweiflung“ zuerst erkennt. Vielleicht fühlt sie dieses Gefühl übermächtig. Auch die Gefühle, die sie noch spürt, aber noch nicht erkennt, haben einen Grund, sich vor ihr zu verbergen. Wenn Jenny zuerst mit dem entdeckten Gefühl arbeitet, kann sie nach dem fünften Schritt wieder zum ersten Schritt zurückkehren und in sich gehen. Vielleicht entdeckt sie dann auch die restlichen Gefühle. Der nächste Schritt ist der…

Schritt: Verstehen des Gefühls (Grund/Ursachenfrage)

Jetzt geht es darum, in sich hineinzuhorchen und zu verstehen, warum das Gefühl da ist. Was will es erreichen? Wie will es dir helfen? Warum ist es gerade jetzt in dieser Situation in dir aufgetaucht?

Jenny denkt darüber nach, warum die Verzweiflung da ist. Ein Dialog in ihr könnte so aussehen:

Jenny: „Hallo Verzweiflung, du siehst riesig aus. Du bist groß und klumpig und grau und passt kaum auf mein Sofa. Was führt dich zu mir?“

Verzweiflung: „Erst einmal danke, dass du mich siehst. Ich bin hier, um dir die Augen zu öffnen. Deshalb bin ich so groß und sperrig. Damit du mich nicht übersiehst.“

J: „Aber was willst du mir zeigen? Ich fühle mich von dir nicht erleuchtet. Ganz im Gegenteil. Ich bin dir hilflos ausgeliefert.“

V: „Dich ohnmächtig zu machen ist eine meiner liebsten Eigenschaften. So stehst du endlich still!“

J: „Warum soll ich still stehen?“

V: „Weil du von allem zu viel tust. Zu viel Arbeit, zu viel Hin und Her. Du tust und gibst viel von allem. Aber für dich selbst geht nichts. Weil für dich nichts passiert, habe ich dafür gesorgt, dass für niemanden mehr etwas passiert.“

J: „Also Verzweiflung, willst du mir sagen, dass ich überfordert bin? Wenn ich das so sage, dann fühle ich mich auch so. Ich dachte nur, das gehört sich so.“

V: „Überforderung ist meine Cousine. Sie kommt gerne, bevor ich komme. Viele Leute nehmen sie nicht so ernst. Ich würde gerne wissen warum.“

Überforderung: „Das würde ich auch gerne wissen.“

*Jenny schaut überrascht, als auch Überforderung auf ihrem Sofa Platz nimmt.*

Es ist toll, wenn es so einfach ist. Die Antworten liegen so klar in einem selbst. Man muss nur die richtigen Fragen stellen. „Was sagt mir mein Gefühl?“ ist eine gute Ausgangsfrage.

4. Schritt: Entscheiden, das Gefühl loslassen oder behalten?

Jetzt geht es ans Eingemachte. Das Gefühl durfte eine Weile bei dir bleiben, hat dich vielleicht sogar erleuchtet oder seinen Zweck erfüllt. Jetzt musst du dich entscheiden: Soll das Gefühl bleiben? Oder soll es gehen?

Nimm die erste Antwort, die dir einfällt. Es ist eine Übung, diese Antwort zu akzeptieren.

Wenn es ein „Nein“ ist, dann sei ehrlich zu dir selbst. Es gibt einen Grund, warum das Gefühl noch da sein will, oder warum du es noch da haben willst. Vielleicht hat es sich mit einem anderen Gefühl angefreundet, das sich auf dein Sofa geschlichen hat. Vielleicht hat dir dein Gefühl noch etwas zu sagen. Oder vielleicht brauchst du dein Gefühl noch, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Finde es heraus.

Wenn du es nicht herausfindest, ist das auch kein Problem. Du kannst das Gefühl erst einmal akzeptieren und höflich fragen, wie lange es noch da sein will 🙂

In diesem Schritt geht es nur darum, dass du dich entscheidest.

5. Schritt: Die Verabschiedung

Wenn es funktionieren soll, überlege dir, wie du das Gefühl am besten loslassen kannst. Dazu gibt es verschiedene Techniken. Ich verrate dir zuerst eine, mit der du gut üben kannst:

Visualisiere das Gefühl in deiner Handfläche, so dass du es wirklich spürst oder (mit geschlossenen Augen) siehst. Dann machst du eine Faust und stellst dir vor, wie du die Faust öffnest und das Gefühl loslässt. Du kannst auch Worte hinzufügen und dich verabschieden: „Auf Wiedersehen Verzweiflung, du kannst jetzt gehen. Danke, dass du da warst“. Oder diesen Schritt nur mit Worten begleiten.

In diesem letzten Schritt geht es darum, das Gefühl loszulassen. Das WIE kannst du individuell entscheiden. Mit meinen Kindern verabschieden wir z.B. das starke Gefühl „Wut“ mit einem eigenen Lied.

Ich habe auch schon von positiven Effekten gehört, wenn man ein Gefühl verabschiedet (Jennys Verzweiflung & Überforderung) und dafür ein anderes bewusst einlädt (für Jenny könnte das z.B. Entspannung & Ausgeglichenheit sein). Das sind natürlich Vorschläge, dieser Schritt ist sehr persönlich und individuell. Probier aus, was für dich funktioniert.

Bonus-Schritt: Das Gefühl lokalisieren (herausfinden, woher es kommt)

Eigentlich ist das kein Schritt, den man jedes Mal machen muss. Mit „Das Gefühl lokalisieren“ ist eine Methode gemeint, die dir hilft (nachdem du diese Übung mit jedem Gefühl gemacht hast), es sofort zu erkennen. Dazu empfehle ich, eine individuelle Körper-Emotions-Landkarte zu erstellen.

Spätestens nach meinem letzten Beitrag weißt du, dass Emotion und Gefühl nicht dasselbe sind. Aber am Anfang ist es einfacher, die 10 Emotionen durchzugehen und sich dann an die Gefühle heranzutasten.

„Traurigkeit“ zum Beispiel ist ein leichter Anfang, weil es eines der Gefühle ist, die wir sehr früh lernen.

Schließe die Augen und entspanne dich (am besten sitzend, Beine und Arme nicht gekreuzt). Erinnere dich an eine Situation, von der du genau weißt: Ich war traurig. (Bei dieser Übung bitte ich dich, keine traumatischen Erinnerungen hervorzurufen. Denn diese Erinnerungen sollten mit therapeutischer Begleitung bearbeitet werden).

Erlebe die Situation noch einmal vor deinem inneren Auge und spüre in dich hinein. Lass es geschehen. Wo spürst du Traurigkeit? Was passiert mit deinem Körper? Kribbelt es in deiner Handfläche? Spürst du einen Kloß im Hals oder in der Magengegend? Schwitzt du? Wird dir heiß oder kalt? Siehst du eine Farbe oder eine Form? Sind deine Beine unruhig?

All diese Symptome sind Anzeichen dafür, wie dein Körper auf „Traurigkeit“ reagiert. Deshalb solltest du alles, was du fühlst, auf deiner Körper-Emotions-Landkarte notieren.

Aber warum sind diese Informationen so wichtig, um Gefühle zu erkennen? In unserem schnelllebigen Alltag werden wir mit vielen Informationen gefüttert. Unser Unbewusstes nimmt all diese Eindrücke auf und wir erleben unbemerkt viele Gefühle gleichzeitig. Bevor wir auf ein Gefühl reagieren können, passiert schon das nächste.

Aber unser Körper reagiert auf unsere Gefühle, auch wenn wir sie nicht aktiv wahrnehmen. Und mit der Körper-Emotions-Landkarte kannst du dir dieses Wissen zunutze machen. Nehmen wir wieder Jenny als Beispiel. Sie hat nun herausgefunden, dass sich Verzweiflung bei ihr durch ein leises, dumpfes Hämmern im Bereich des Zwerchfells bemerkbar macht. Sie weiß, dass das Zwerchfell der wichtigste Atemmuskel ist und dass sich in seinem Bereich die Mündung der Speiseröhre befindet. Diese Information hilft Jenny sehr. Denn sie erklärt ihr die manchmal spürbare Atemnot oder wenn sie merkt: „Ich kriege keinen Bissen runter, obwohl ich Hunger habe.“ Jetzt kann sie also erkennen, wann die Verzweiflung an die Tür klopft und schon vorher Maßnahmen ergreifen, damit es nicht eskaliert.

Das ist doch ziemlich cool, oder? Das ist eine andere Dimension von: Den eigenen Körper besser zu kennen.

Schlussworte

Es ist ein Zeichen von psychischer Gesundheit, seine Gefühle zu erkennen, zu benennen und auszudrücken. Über das Ausdrücken von Gefühlen werde ich in einem separaten Artikel berichten, also bleib gespannt 🙂

Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass eine adäquate Gefühlserziehung bei vielen einfach gefehlt hat. Da Gefühle ein Teil von uns sind, ist es wichtig, sich selbst zu kennen. Außerdem spielen Gefühle eine große Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn man seine Gefühle nicht ausdrücken, erkennen oder wahrnehmen kann, ist das ein ernstzunehmendes Defizit. Die gute Nachricht ist, dass man die Kunst, Gefühle zu erkennen, erlernen kann.

Nun bin ich gespannt, wie ihr euch selbst einschätzt und ob euch der Artikel weiterhilft. Für mich wäre ein Feedback zu den Beispielen hilfreich. Sind die fiktiven Beispielfiguren für dich hilfreich, um das Thema zu verstehen?

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