Minuten Lesezeit

0 Kommentare

Die Schizophrenie ist eine in allen Kulturen bekannte psychische Erkrankung. Im Volksmund hält sich bis heute der Irrglaube, dass an Schizophrenie Erkrankte eine gespaltene Persönlichkeit haben. Das hängt mit der Herkunft des Wortes zusammen.

Schizophrenie kommt vom griechischen schizein = spalten und phren = Geist. Das hat zu vielen Missverständnissen geführt. Diese Missverständnisse möchte ich in diesem Artikel aufklären, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken.

Persönliche Worte zu Beginn

Die Krankheit Schizophrenie ist der eigentliche Grund für meine Berufswahl. Ich habe einen geliebten Menschen durch Schizophrenie verloren. Schon als Kind habe ich erlebt, wie ein geliebter Mensch von einem Moment auf den anderen verschwinden kann, obwohl sie körperlich noch da ist. Und die Freude, wenn der geliebte Mensch eine gute Zeit hat (in der stabilen Phase)… Daher meine Neugier und der Wunsch, anderen Erkrankten und auch Angehörigen zu helfen.

Nun, obwohl dies ein Beitrag mit fachlichen Nuancen ist, ist dieser Artikel für mich emotional. Schizophrenie ist ein Teil meiner Geschichte, ich bin eine Angehörige. Jetzt liest du, was ich in all den Jahren über Schizophrenie gelernt habe…

Du kannst dir also vorstellen, dass dieser Artikel lang sein wird, also entschuldige bitte, wenn ich aus Gründen der Lesbarkeit nur die männliche Form verwende, gemeint und betroffen sein kann jedes Geschlecht.

Was ist Schizophrenie?

Schizophrenie ist historisch gesehen ein echter Dauerbrenner. Ich erinnere mich noch, wie ich für eine Prüfung im 2. Semester die ganzen geschichtlichen Entwicklungen und “Entdeckungen” gelernt habe. Kurz gesagt, es gab viel zu merken.

Die Schizophrenie ist eine heterogene Erkrankung des Gehirns. Das bedeutet, dass bei jedem Erkrankten eine andere Kombination, Ausprägung und Verlaufsform der folgenden Symptome vorliegt: Wahnphänomene, Halluzinationen, Ich-Störungen, formale Denkstörungen, Affektstörungen und psychomotorische Störungen.

Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei der Schizophrenie um eine sehr komplexe psychische Störung, die das Denken, Fühlen und Wahrnehmen eines Menschen beeinflusst.

Die Diagnose

Damit eine Person als schizophren diagnostiziert werden kann, müssen die Symptome seit mindestens einem Monat kontinuierlich vorhanden sein. Es gibt zwei Gruppen von Symptomen:

  1. Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung, Gedankenentzug oder Gedankenausbreitung
  2. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten, Wahnwahrnehmung
  3. Kommentierende oder dialogische Stimmen, die über das Verhalten des Patienten reden oder untereinander über ihn diskutieren oder andere Stimmen, die aus bestimmten Körperteilen kommen
  4. Anhaltende, kulturell unangemessener, bizarrer und völlig unrealistischer Wahn, wie das Wetter kontrollieren können oder mit Außerirdischen in Verbindung zu stehen

—>Aus dieser ersten Gruppe muss mindestens 1 Punkt zutreffen. Dann wird in die 2. Symptomgruppe geschaut.

  1. Halluzinationen jeder Sinnesmodalität täglich während mindestens eines Monats, begleitet von flüchtigen oder undeutlich ausgebildeten Wahngedanken.
  2. Formale Denkstörungen in Form von Neologismen, Gedankenabreißen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss, was zu Zerfahrenheit oder Danebenreden führt.
  3. Katatone Symptome wie Erregung, Haltungsstereotypien, Mutismus, Stupor oder Negativismus
  4. “Negative Symptome” wie Apathie, Sprachverarmung, verflachte oder inadäquate Affekte.

—> Aus dieser Gruppe müssen mindestens 2 Symptome zutreffen, damit die Diagnose Schizophrenie gestellt werden kann.

Die Symptome

Diese Auflistung der Symptome macht deutlich, dass es sich bei der Schizophrenie um eine schwerwiegende Erkrankung handelt. Eine schizophrene Episode trifft den Betroffenen in seinem Innersten und verändert ihn tiefgreifend.

Ich werde nun die klinisch relevantesten Symptome des Krankheitsbildes Schizophrenie näher erläutern.

Wahnerlebnisse

  • Verfolgungswahn: Der Betroffene glaubt, dass ihn jemand belästigt, verfolgt, hintergeht oder ausspioniert. Dieser Wahn ist auch sichtbar, da sie viele Klagen und Anzeigen bei Behörden einreichen können. Sehr selten kommt es zur Anwendung von Gewalt, um sich für die Verfolgung zu rächen.
  • Beziehungswahn:Die Betroffenen neigen dazu, äußere Umstände, andere Menschen oder zukünftige Ereignisse falsch auf sich selbst zu beziehen.
  • Liebeswahn: Der Betroffene glaubt fest daran, dass jemand in ihn verliebt ist. Im besten Fall versucht er, sein Liebesobjekt nur durch Nachrichten und Telefonanrufe zu kontaktieren. Im kriminellen Fall packt er seine Sherlock-Holmes-Fähigkeiten aus und überwacht seine Auserwählte. Stalking ist illegal – will ich hier mal anmerken.
  • Größenwahn:Der Betroffene ist fest davon überzeugt, eine ganz besondere Begabung zu haben oder eine bahnbrechende Entdeckung gemacht zu haben, die ihn von anderen unterscheidet.

Im weiteren Verlauf können sich bei den Betroffenen regelrechte Wahnsysteme entwickeln. Diese sind sehr ausgeklügelt, intelligent und manchmal strukturiert.

Akustische Halluzinationen

Eine der häufigsten Formen akustischer Halluzinationen ist das Stimmenhören. Stimmenhören kann auch das einzige Symptom sein. In diesem Fall handelt es sich nicht um Schizophrenie. Ich persönlich finde das Thema sehr spannend und durfte vor Jahren selbst eine Stimmenhörerin kennenlernen. Hier kannst du mehr darüber lesen.

Zurück zum Stimmenhören als Symptom im Rahmen einer Psychose: Hier hört die betroffene Person entweder ihre eigene Stimme oder eine fremde Stimme, die sie kommentiert und oft auch beschimpft. Es können auch mehrere Stimmen zu dem Betroffenen sprechen.

Nicht selten können diese Stimmen von den Betroffenen klar definiert werden. Z.B. das ist der Teufel, Engel, Agent 561, ein Dämon usw. Manchmal haben die Stimmen auch Namen.

Problematisch wird es, wenn diese Stimmen den Betroffenen befehlen, vor den Zug zu springen, mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren, aus dem Fenster zu springen, die Hände auf die heiße Herdplatte zu legen und nicht wegzunehmen, ein Messer in einen Menschen zu stechen usw.

Patienten, die sich ihrer Stimme bewusst sind und eine Psychotherapie machen, lassen sich in solchen psychotischen Episoden sehr oft selbst einweisen oder suchen aktiv Hilfe.

Zu den akustischen Halluzinationen gehört auch das Lautwerden von Gedanken. Patienten beschreiben dies als das vermeintliche Hören ihrer Gedanken – wie ein Echo, nur mit ihren eigenen Gedanken (manchmal hört der Patient auch, wie seine Gedanken über ihn lästern).

Ich werde sie hier nicht alle aufzählen, aber es gibt auch noch die Geruchs- und Geschmackshalluzinationen und die coenästhetischen Halluzinationen – das ist, wenn der Patient das Gefühl hat, dass er seinen eigenen Körper im Inneren spürt.

Ich-Störung

Diese Symptomatik ist vor allem bei Schizophrenen zu beobachten. Hier erleben die Betroffenen ein Verschwimmen der Grenzen zwischen dem Ich und der Außenwelt. Zu den Ich-Störungen gehören

  • Fremdbeeinflussung
  • Gedankenausbreitung
  • Gedankeneingebung
  • Depersonalisation – Gefühl, das eigene Leben aus der Vogelperspektive zu betrachten
  • Derealisation – die Umwelt wird als fremd wahrgenommen Gefühl der Unwirklichkeit
  • Gefühl, dass sich die Gedanken im Raum ausbreiten
  • Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Gedanken verloren zu haben

Das Problem der Ich-Störung ist, dass sie in schweren Fällen zu einem Rückzug aus der Umwelt und damit zu einem völligen Realitätsverlust führt. Dieser Fall ist für die Angehörigen immer der schlimmste, weil der geliebte Mensch eigentlich noch lebt, aber in seiner eigenen Welt im Kopf gefangen ist. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da, und da sich viele nicht erlauben, über den Verlust zu trauern, staut sich viel Frustration und Wut auf.

Formale Denkstörungen

Formale Denkstörungen sind ein charakteristisches Symptom der Schizophrenie. Dazu gehören:

  • Neologismen, d.h. ungewöhnliche Begriffe, werden verwendet.
  • Die Sprache ist nicht flüssig
  • Abreißen eines Gedankens mitten im Satz oder Wort
  • Kontamination – Bedeutungsverlust von Wörtern, Sachverhalte haben keine Bedeutung mehr
  • Sprachzerfall

Affekte

  • Der emotionale Kontakt zu anderen Menschen ist oft eingeschränkt.
  • unangemessener Affekt (Parathymie) – z.B. bei einer Trauerfeier lacht der Betroffene
  • leere Heiterkeit / Albernheit
  • psychotische Ambivalenz – z.B. gegensätzliche Gefühle werden gleichzeitig erlebt und stehen unentschieden im Konflikt zueinander (in dieser psychotischen Ambivalenz steckt viel Kraft, viel Energie, die nicht entweichen kann und in der Person stecken bleibt)
  • Affektverarmung – sehr wenig bis gar keine Gefühlsregung ist möglich, man befindet sich im völligen Rückzug – tritt im schizophrenen Residualzustand auf, der dann oft endgültig ist.

Katatone Symptome

Dies sind alle Krankheitszeichen, die die Psychomotorik betreffen.

  • Katatoner Stupor – Bewegungslosigkeit, Verharren in einer Position (manchmal tagelang), Sprechen nicht möglich. Innere Anspannung und Angst (beides für Außenstehende sichtbar und spürbar).
  • Katatoner Erregungszustand – heftige Unruhe: Toben, schubartiges Schreien, Grimassieren, ungebremste Aggressivität.

Der katatone Erregungszustand ist sehr selten, aber ein psychiatrischer Notfall, da eine sehr hohe Selbst- und Fremdgefährdung besteht! Hier muss sofort der Notarzt gerufen werden.

Gestörtes Sozialverhalten

Diese Symptomatik tritt sehr häufig bei Personen auf, die über einen längeren Zeitraum an Schizophrenie erkrankt sind. Es kommt zu einer fast vollständigen sozialen Isolation und Antriebsstörung. Verantwortlich dafür ist ein Mangel an Energie, eine Einschränkung der Interessen, wie oben beschrieben die Affektverarmung, Passivität und die Leistungsfähigkeit ist deutlich reduziert.

Was ist die Schizophrenie nicht?

Zunächst einmal bedeutet Schizophrenie nicht, wie im medizinischen Mittelalter, dass Schizophrene einen gespaltenen Geist oder einen gespaltenen Kopf haben.

Auch dass schizophrene Patienten – wie in Filmen gerne dargestellt – zwei Persönlichkeiten haben, ist eigentlich ein Recherchefehler. Die korrekte Bezeichnung für die Erkrankung mit zwei (oder mehr) Persönlichkeiten lautet dissoziale Identitätsstörung (früher: multiple Persönlichkeitsstörung).

Wenn die ersten psychotischen Symptome – die Gebrüder: Wahn, Halluzinationen oder Denkstörungen – auftreten (in der Psychiatrie wird diese erste Phase als Erstmanifestation bezeichnet), folgt im besten Fall ein Krankenhausaufenthalt. Dort wird zunächst abgeklärt, ob es sich bei diesen Symptomen nicht um eine organische Erkrankung handelt.

Denn schizophrene Symptome können auch folgende organische Störungen auslösen:

  • neurologische Störungen -> Meningitis, Enzephalitis, Hirntumor etc.
  • internistische Erkrankungen -> Stoffwechselerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Hormonstörungen, Infektionen etc.
  • toxische Störungen -> dazu gehören drogeninduzierte Psychosen, Alkohol etc.

Die Borderline Debatte

Auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung werde ich in einem weiteren Beitrag eingehen. Hier nur eine kurze Anmerkung: Borderline-Patienten können Minipsychosen haben. Diese sind aber konfliktbezogen, gut nachvollziehbar und zeitlich begrenzt. Im Gegensatz zur Schizophrenie. Die Psychose ist nur ein Symptom, die Borderline-Persönlichkeitsstörung und die Schizophrenie sind Krankheitsbilder.

Schizophrenie in der Psychoanalyse

Nach der Psychoanalyse ist der schizophrene Konflikt die Suche nach einem Kompromiss zwischen der Rückkehr zur Mutter und dem Weg von der Mutter. WEG VON DER MUTTER bedeutet: selbständiges soziales Leben/Erwachsenenleben.

Das ist wieder typisch für die Psychoanalyse, nicht wahr? Denn diese Erklärung schreit förmlich nach Schuldzuweisung. Aber eigentlich gibt es keine Schuld. Das weiß auch die Psychoanalyse 🙂

Nun zu den eigentlichen Ursachen der Schizophrenie

Ursachen der Schizophrenie

Über die Ursachen der Schizophrenie gibt und gab es viele Diskussionen und Hypothesen. Sie alle hier aufzuzählen würde nicht nur langweilig sein, sondern auch den Rahmen sprengen. Ich nehme daher den heutigen Stand der Wissenschaft als Ausgangspunkt. Dieser geht von einem multifaktoriellen Ansatz aus. Dieser besagt schlicht und einfach, dass die Ursache der Schizophrenie genetische Faktoren in Kombination mit Umwelteinflüssen sind.

Genetische Faktoren

Normalerweise finde ich Zahlen nicht so spannend, deshalb fasse ich das mal in einer Liste zusammen.

  • Die Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken, liegt für einen normalen Weltbürger ohne genetische Vorbelastung bei 1% (das ist in allen Klimazonen und Kulturen gleich).
  • Die Erkrankungshäufigkeit ist bei Männern und Frauen etwa gleich, nur dass Frauen statistisch gesehen später erkranken und einen günstigeren Verlauf haben als Männer.
  • Das Risiko steigt mit der Anzahl der Gene, die man mit einem Betroffenen teilt:
  • Bei einem Geschwister liegt das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, bei 15%.
  • Bei einem genetischen Elternteil liegt das Risiko bei 8%.
  • Bei beiden genetischen Elternteilen beträgt das Risiko 45%.
  • Bei eineiigen genetisch identischen Zwillingen beträgt das Risiko 50%.
  • Bei Adoptivkindern, deren Adoptiveltern an Schizophrenie erkrankt sind, liegt das Risiko wie bei allen Menschen auf der Welt bei 1%.

Psychosoziale Faktoren

Ich nehme die Spannung raus, indem ich klar und deutlich sage, dass negative Einflüsse in der Kindheit, ein falscher Erziehungsstil oder irgendeine Art von Trauma NICHT die Ursache für eine Schizophrenie sind.

Lange Zeit war es üblich, die Familien indirekt zu beschuldigen (Sprichwort Psychoanalyse 😃, die es aber eher auf die Mutter abgesehen hatte). All diese Annahmen haben sich in der Moderne als falsch erwiesen – ein Hoch auf die Psychogötter.

Du bist also ein Elternteil mit Verhaltensproblemen? Keine Sorge, dein Kind wird aufgrund deines Verhaltens, wenn überhaupt, auch Verhaltensauffälligkeiten zeigen, aber keine Schizophrenie. Das ist schon mal eine große Erleichterung.

Die ganzheitliche Sichtweise sieht einen Auslöser in der Kombination von ungünstigen familiären Bedingungen und genetischem Risiko.

Herausforderungen, die den Ausbruch auslösen können

Schizophrenie im klinischen Sinne wird in der Regel im Alter zwischen 15 und 35 Jahren diagnostiziert. Folgende Herausforderungen in der Adoleszenz können einen Ausbruch auslösen: Arbeit, wenn man in der Liebe/Sexualität seinen Mann/seine Frau stehen muss oder der Druck, so zu werden, wie die Eltern es wollen.

Deshalb ist diese Information so wertvoll. – ich hatte ein tolles Gespräch mit meiner Professorin damals an der Uni – dass man, wenn man sich seines genetischen Risikos bewusst ist, diese Themen in einer Psychotherapie bearbeiten kann.

Ich finde, das ist ein Lichtblick in diesem eher düsteren Artikel.

Was muss ich als Angehöriger wissen?

Du hast ein höheres Risiko an Schizophrenie zu erkranken als der Rest der Weltbevölkerung. Deshalb solltest du dich von Drogen und allen anderen Auslösern fernhalten.

Wenn du auch nur einen Verwandten hast, der an Schizophrenie erkrankt ist, halte dich von Drogen (ja, damit ist auch das verharmloste Gras gemeint) und Alkohol fern.

Je nachdem, wie deine Gene, Probleme und Umwelteinflüsse zusammenspielen, kann schon ein Schluck Bier oder ein Stück Marihuana-Brownie bei dir eine Psychose auslösen. Im besten Fall wird die Krankheit bei dir nicht manifestiert. Ich zitiere hier meinen Professor: Warum also ein Risiko eingehen?

Wie erkenne ich einen Betroffenen?

Manchmal sieht man die Schizophrenie nicht kommen. Und manchmal – ich spreche hier als Angehöriger – will man sie nicht kommen sehen. Wie eine Schizophrenie beginnen kann, will ich jetzt erklären.

Am Anfang steht eine berufliche oder romantische Herausforderung. Auch wenn viele gut darin sind, dies zu verbergen, kann man spätestens rückblickend sagen, dass der Betroffene es irgendwie nie geschafft hat, “erwachsen” zu werden.

Vor der eigentlichen schizophrenen Erkrankung erlebt er die Welt als unheimlich/gefährlich/bedrohlich, er wird überempfindlich und dünnhäutig.

Das kann z.B. so aussehen, dass der sonst immer gut behandelte Schwager plötzlich der eigenen Schwester etwas Böses antun will (natürlich gibt es sehr oft einen nachvollziehbaren Hintergrund). Der klinische Begriff für dieses Gefühl ist Anmutungserlebnis oder auch prodomale Zeichen.

Ich gebe zu, dass es schwierig ist, in dieser Etappe eine beginnende Psychose zu erkennen, da wir auch das Zeitalter der glaubwürdigen Verschwörungstheorien erreicht haben.

Nach oder während der Anmutungserlebnisse treten die Halluzinationen/ der Wahn auf (klinisch Beinflussussungerlebnisse genannt). Diese misstrauische Haltung gegenüber der Welt (es kann wirklich sehr paranoid werden) kann über einen Zeitraum von 1 bis 2 Jahren anhalten.

Der Betroffene ist ständig so ängstlich, die Außenwelt kann nicht mehr gefiltert werden und so ist er ständig auf der Suche nach Gefahr.

Irgendwann – man kann/sollte es nicht mehr übersehen – werden die inneren Traumbilder des Betroffenen real und zu seiner Realität. Ja, das bedeutet, dass er seine Selbstwahrnehmung völlig unterdrückt. Nur das, was im Kopf ist, wird als real eingestuft.

In der Regel führt eine dramatische soziale Inszenierung zur ersten Einweisung in die stationäre Psychiatrie.

Was kann eine Psychose erneut auslösen?

Wenn man als Angehöriger weiß, dass eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, ist es hilfreich zu wissen, was eine Psychose erneut auslösen kann:

  • psychosozialer Stress – äußerer Stress durch zwischenmenschliche Beziehungen
  • Alkohol und Drogen (!)
  • organische Krankheiten (z.B. Grippe, Bindehautentzündung, Gelenkschmerzen etc.)

Wie reagiere ich am besten?

Wie oben bei den psychosozialen Ursachen der Schizophrenie kurz erwähnt, sind ungünstige familiäre Bedingungen einer der Faktoren. Wenn du ein Familienmitglied hast, bei dem Schizophrenie diagnostiziert wurde, können dir die folgenden Verhaltenstipps helfen:

  1. Keine überfürsorgliche Haltung (führt zu Rückfällen!)
  2. Keine kritischen Bemerkungen (führt zu Rückfällen!)
  3. Akzeptiere die Krankheit und das Krankheitskonzept und kooperiere mit dem Facharzt, Therapeuten und bestenfalls weiteren professionellen Helfern.
  4. Betroffene tragen ein Leben lang diese innere Verletzlichkeit in sich, die bei äußeren Belastungen wieder zu einer Psychose führen kann. Begegne deiner Angehörigen mit Einfühlungsvermögen und Empathie.
  5. Es macht keinen Sinn, deinen Angehörigen vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was er im Wahn für real hält. Es ist sogar kontraproduktiv.
  6. In einer Krise kannst du einigen Punkten zustimmen, die real sind.
    • Zum Beispiel: Der Wahn bezieht sich auf eine Verschwörung des Nachbarn und es werden überall Gefahren gesehen. Hier kannst du, z.B. in einer Krise, deinen Angehörigen beruhigen. “Ja, es stimmt, die Nachbarin hat dich letzte Woche beschimpft. Ja, der Hund hat dir vor die Tür gepinkelt. Ich verstehe, warum dich das so frustriert. Es macht mir wirklich Sorgen, wie du mit der Situation umgehst. Seit Stunden stehst du an der Wand (die zum Nachbarn) und schreist wüste Beschimpfungen. Ich habe wirklich Angst. Ich möchte professionelle Hilfe, damit wir das klären können. Bitte, lass uns das zusammen machen. Ich bin immer für dich da.“
    • Auf den Punkt gebracht: In der Krise: Nicht auf Wahnvorstellungen eingehen, sondern auf Fakten. Sorgen und Ängste begründet mitteilen. Zur Inanspruchnahme fachlicher Hilfe ermutigen. Unterstützung zusichern!
  7. Wenn sich der Angehörige in der Stabilisierungsphase oder in einer stabilen Phase befindet und leichte schizophrene Symptome zeigt, ist es wichtig, nicht kritisch oder belustigend auf die Symptome einzugehen. Bleib bei dir.
    • Nehmen wir an, dein Angehöriger hört Stimmen in seinem Kopf und erzählt dir davon: “Ich höre diese Stimmen nicht, ich glaube, nur du hörst diese Stimmen. Was sagen deine Stimmen?”

Als ich ein Kind war, habe ich oft mit meiner Angehörigen über ihre Stimmen gesprochen. Und wenn die Stimme dann zum Beispiel Gemeinheiten über ein anderes Familienmitglied gesagt hat, habe ich als Kind die Stimme dafür getadelt: “Hey, das darfst du nicht sagen, du bist gemein!” Als Kind verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Meinem Angehörigen hat es damals gut getan, verstanden zu werden.

Und das ist sehr wichtig, denn dieses irritierende Verhalten des Verwandten ist für die Angehörigen sehr belastend. Man hat das Gefühl, dass ein ganz anderer, veränderter Mensch vor einem steht.

Das kann sehr bedrohlich sein. Schizophrenie hat es in sich, sie entfremdet, verunsichert und belastet alle zwischenmenschlichen Beziehungen auf das Äußerste – und das über Jahre hinweg.

Das Wichtigste und zugleich Schwierigste ist – im einfühlsamen und guten Kontakt mit dem Betroffenen zu sein.

Ich möchte aber ganz klar betonen, dass es auch hier am besten ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Hilfe für Angehörige gibt es fast überall kostenlos. Ich werde im Weiteren eine Liste für Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammenstellen.

Welche Behandlungsansätze gibt es?

In Studien konnte gezeigt werden, dass bei der Erkrankung Schizophrenie neben Psychopharmaka auch psychotherapeutische Interventionen nachhaltig wirksam sind. Dazu wurden MRT-Aufnahmen gemacht.

Im Allgemeinen wird bei der Behandlung eines Patienten in der Psychiatrie in verschiedenen Phasen vorgegangen:

  1. Die Prodomalphase – hier liegen unspezifische Symptome vor. Es ist selten, dass ein neuer Patient in der Vorphase einer schizophrenen Episode in die Psychiatrie kommt.
  2. Die akute Phase – in dieser Phase treten Wahnvorstellungen, Halluzinationen usw. auf. Dies ist häufig der Zeitpunkt der Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Hier steht zunächst die Therapie mit Antipsychotika (Medikamenten) im Vordergrund.
  3. Die Stabilisierungsphase – diese dauert den Angaben zufolge 6 Monate und die Rückfallgefahr ist sehr hoch. Hier ist eine Psychotherapie sehr wichtig! Je nach Schweregrad wird auch die Entlassung aus der Psychiatrie veranlasst.
  4. Die stabile Phase – ist der Zeitraum, in dem nur leichte Symptome auftreten, aber keine plötzlichen Veränderungen der Symptomatik folgen. Auch hier ist eine Psychotherapie von großer Bedeutung! Ein Rückfall ist immer möglich

Psychopharmaka

Antipsychotika (auch Neuroleptika genannt) werden traditionell zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt. Dank der modernen Wissenschaft gibt es heute atypische Antipsychotika. Diese sind besser verträglich als die typischen Antipsychotika und haben “weniger” Nebenwirkungen.

In der akuten Phase, wenn z.B. Unruhe, starke Aggressivität oder Schlafstörungen auftreten, werden auch Benzodiazepine verschrieben. Diese haben dämpfende Eigenschaften.

Interessant ist hier zu erwähnen, dass auch wenn die psychotischen Symptome durch die Medikamente abklingen, die Patienten sich nicht sofort von den krankhaften Gedankeninhalten distanzieren können (dies gelingt erst durch eine Psychotherapie). Die Betroffenen sind nicht in der Lage, das Geschehene rückblickend zu reflektieren! Das Beste, was passieren kann, ist, dass die Wahnvorstellungen in den Hintergrund treten oder (noch besser) einfach vergessen werden.

Die Problematik der Psychopharmaka

Das klingt alles so schön und einfach, ich weiß. Das größte Problem ist, dass Menschen mit Schizophrenie sehr oft Psychopharmaka ablehnen. Nicht die Nebenwirkungen sind der Grund für die Ablehnung, sondern einfach die fehlende Krankheitseinsicht der Erkrankten. Dies ist aus ihrer Sicht durchaus verständlich.

In der Realität des Erkrankten ist alles “in Ordnung”. Die Psychose hilft ihm, vor der Realität zu fliehen. Er selbst empfindet die Psychose aber nicht als Flucht, sondern als ihre einzig anerkannte und für ihn erträgliche Realität.

Die weitreichende Problematik besteht darin, dass eine psychotherapeutische und psychosoziale Intervention nur durch eine Stabilisierung der Symptomatik möglich ist, die nur durch Psychopharmaka erreicht werden kann.

Psychotherapie als Behandlungsansatz

Was ist die Funktion der Psychotherapie für einen Menschen mit einer Schizophrenie? Die Psychotherapie hat die Funktion, Struktur zu geben und Ängste abzubauen.

Die Behandlung wird individuell auf den Betroffenen abgestimmt. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird der Umgang mit der Störung erarbeitet. Ganz wichtig ist, dass die auslösenden Faktoren der Psychose gemeinsam erarbeitet werden.

Die Psychotherapie wirkt auch unterstützend. Die Fähigkeiten des Betroffenen sollen gefördert werden. Ziel ist es, dass sie so viel Selbstständigkeit wie möglich erlangen. Soziale Kompetenz ist hier das Stichwort. Die Symptome stehen nicht im Vordergrund.

In der klassischen Tiefenpsychologie liegt der Betroffene nicht auf der Couch. Die Therapie findet im Sitzen statt. Das hat den Grund, dass durch die Methode der freien Assoziation (die im Liegen begünstigt wird) eine Psychose ausgelöst werden kann.

In der Verhaltenstherapie werden zum Beispiel “Coping-Skills” erlernt. Dabei werden Alltagsprobleme besprochen und Fertigkeiten erlernt, wie die schwere Symptomatik ertragen werden kann.

Generell gilt, dass psychotherapeutische Behandlungen nur von vertrauten Therapeuten durchgeführt werden sollten.

Psychosoziale Maßnahmen

  • Ergotherapie: Besonders wichtig, da sie die Wiedererlangung von Alltagsfähigkeiten ermöglicht. In meiner Zeit als Psychiatriepraktikantin konnte ich mit eigenen Augen die fast magischen Erfolge der Ergotherapie bei Schizophreniekranken beobachten.
  • Arbeits- und Beschäftigungstherapie: Ziel ist die Integration in den Arbeitsmarkt. Mit dieser Maßnahme können die Anforderungen des Arbeitslebens geübt und bearbeitet werden. Manchmal kann dieses Ziel nicht erreicht werden (je nach Schweregrad der Erkrankung). Dann wird für die betroffene Person ein geschützter Arbeitsplatz oder eine Werkstatt gesucht.
  • „Home Treatment“: Hier wird einem der größten Probleme der Erkrankung Schizophrenie entgegengewirkt: Der Obdachlosigkeit. Es werden Wohnplätze (Nachtkliniken, betreutes Wohnen etc.) zur Verfügung gestellt, die auf die soziale Eingliederung vorbereiten.
  • Sozialpsychiatrie: In einer solchen Abteilung habe ich damals mein Praktikum gemacht. Das ist ein neuer Ansatz. Hier ist das oberste Ziel die Heilung mit einem Gewinn an Lebensqualität. Das bedeutet, dass die Kranken Autonomie, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erlangen und so ein Leben in der Gemeinschaft für sie möglich wird.

Für Jugendliche

Schizophrenie kann bereits im Alter von 15 Jahren auftreten und diagnostiziert werden. Eine frühe und richtige Diagnose ist für den Patienten von großem Vorteil. Für Jugendliche ist es oft einfacher, die auslösenden Faktoren und den Umgang damit zu erlernen.

Während meines Studiums habe ich ein Praktikum in einer betreuten Wohneinrichtung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen gemacht. Dort konnte ich miterleben, wie die Gemeinschaft und auch das Miteinander der Bewohner (zwischen 2 und 18 Jahren in einer WG) den an Schizophrenie erkrankten Jugendlichen Halt und Sicherheit gibt. Sie haben dort die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren und erhalten bei erneutem Auftreten der Symptome Unterstützung durch Fachpersonal und Arbeitgeber.

Was tun im Krisenfall?

Zunächst ist es wichtig, zwischen Notfall und Krise zu unterscheiden.

Ein Notfall ist eine Situation, in der sofort gehandelt werden muss. Das ist der Fall, wenn eine Gefahr für sich selbst oder andere besteht. (z.B. Androhung sich umzubringen oder Androhung jemandem Gewalt anzutun).

Dann rufst du sofort den Notruf an.

Eine Krise ist eine emotionale Ausnahmesituation. Dazu gehören z.B. Panikattacken, Nervenzusammenbrüche, wirres Reden ohne Chance auf Beruhigung, katatonisches Verhalten oder eine akute Belastungsstörung.

Dies ist als Krise einzustufen, da Zeit zur Klärung und zur eigenen Intervention zur Verfügung steht.

In einer Krise gibt es verschiedene Anlaufstellen:

  • Wenn die betroffene Person in therapeutischer Behandlung ist, ist der Therapeut/die Therapeutin eine Anlaufstelle (auch der Seelsorger/die Seelsorgerin).
  • das Kriseninterventionszentrum bzw. der PSD (in Wien), das Psychiatrische Notfallzentrum (Schweiz)

Unabhängig davon, ob es sich um eine Krise oder einen Notfall handelt, wenn du als Angehöriger eines an Schizophrenie erkrankten Menschen Hilfe brauchst, kannst du dich an folgende Stellen wenden:

Hilfe für Angehörige / Anlaufstellen

Sehr hilfreich finde ich die Angehörigengruppen. Aber auch eine Telefonseelsorge, kann schon eine große Entlastung sein. Schau mal lokal, welche Angebote es in deiner Stadt oder Gemeinde gibt. Es hilft sehr, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen.

Deutschland:

Seelefon: Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker

Psychische Krankheiten: Adressen & Links | kanyo®

Österreich:

HPE Österreich: Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter

—> Die HPE ist wirklich einsame Spitze. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen! Geh gerne in die Gruppen, sie bringen viel Klarheit, Verständnis und Orientierung.

Schweiz

Leben mit Schizophrenie

Schlussworte

Das war ein langer Artikel und es gäbe eigentlich noch viel zu sagen und hinzuzufügen. Jetzt würde mich interessieren, was du über die Krankheit Schizophrenie weißt? Bist du auch eine Angehörige?

Dieser Artikel und die anderen, die in der Reihe Psychiatrie 101 folgen werden, sind nicht statisch. Wenn du Institutionen, Links oder auch neue Erkenntnisse, Studien etc. empfehlen kannst, dann schreibe sie gerne in die Kommentare oder kontaktiere mich direkt. Ich werde mich bemühen, deine Informationen zu prüfen und in den Artikel einfließen zu lassen.

Bis dahin: Bis zum nächsten Mal!

Schizophrenie – Psychische Gesundheitsstörungen – MSD Manual Ausgabe für Patienten

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

Manchmal reicht ein einziger Impuls und etwas in dir beginnt sich zu sortieren

Wenn du regelmäßig Raum für solche Gedankenmomente brauchst: Mein Newsletter - die Gedankenpost - bringt dir Tiefe, Ruhe und Weitblick direkt in dein Postfach. 

>

Entdecke mehr von DeinGedankenraum

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen