Was du heute fühlst, verschiebe nicht auf morgen? So ging diese uralte Weisheit doch, oder? 😉 Ich habe über die Gefühle nachgedacht, die für uns in dieser schnelllebigen Welt manchmal ‚unpassend‘ sind. Und damit meine ich nicht nur ’negative‘ Gefühle (ja, die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt), sondern auch Freude und Glück. Was macht es mit uns, wenn wir Gefühle verdrängen, ignorieren oder unterdrücken? Wieviel Macht haben die Gefühle wirklich über uns?
Emotion oder Gefühl?
Ich halte es für wichtig, an dieser Stelle kurz (!) auf die grundsätzliche Bedeutung von Emotion und Gefühl einzugehen. Damit wird das Thema etwas klarer. Ich fasse mich auch extra kurz, um das eigentliche Thema nicht zu „verschieben“ 🙂
Emotion
Emotion kommt vom englischen Wort „motion“, was „Bewegung“ bedeutet. Genau darum geht es, etwas in uns bewegt sich, wenn eine Emotion in uns ausgelöst wird. Was in uns ausgelöst wird, ist die Zusammensetzung vieler Komponenten, die dann am Ende eine Emotion ergeben. Diese Komponenten sind:
- Der Auslöser (Eindrücke aus der Außenwelt, die über die Sinne wahrgenommen werden).
- Das Gefühl
- Die körperliche Reaktion (Erröten, Tränen in den Augen, Schwitzen usw.)
- Die Bewertung oder Interpretation
- Der Ausdruck des Gefühls (oder deine Handlung)
Man kann sich das auch so vorstellen, dass durch die Emotionen die Außenwelt in die Innenwelt geholt wird. Ganz praktisch, oder?
Es gibt verschiedene Meinungen darüber, was eine Emotion ist. Manche sagen 10, manche sagen 7, manche sagen 8. Ich zähle alle auf. Wenn sie schon da sind, können sie auch genannt werden 🙂
- Wut / Ärger
- Ekel
- Angst / Verzweiflung
- Trauer
- Überraschung
- Freude
- Verachtung
- Schuld / Scham
- Interesse / Neugier
- (Liebe)
Gefühl
Wie du schon bei der Emotion gelesen hast, ist das Gefühl nur ein Teil der Emotion.
Das Gefühl ist die Reaktion auf die Wahrnehmung eines Objektes. Du fühlst dich von dem Objekt seelisch, körperlich oder geistig berührt. Dein Gefühl gerät in Bewegung und wird so von deinem Ich als Kraft erlebt. (Dies ist eine existenzanalytische Definition.)
Ich denke, dass Gefühle unsere inneren Empfindungen sind, die auf bestimmte Situationen oder Ereignisse reagieren. Wir nehmen sie dann als positiv, negativ oder neutral wahr. Sie können bewusst oder unbewusst sein und beeinflussen unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Verhalten.
Man kann also sagen, dass Gefühle eine Form der menschlichen Erfahrung sind, die es uns ermöglicht, unsere Umwelt zu bewerten und individuell darauf zu reagieren. Gefühle helfen uns, Entscheidungen zu treffen, soziale Interaktionen zu gestalten und unser Verhalten zu regulieren. Ziemlich viel, was Gefühle für uns tun, oder?
Nun, es versteht sich von selbst, dass jedes Gefühl einzigartig ist. So wie ich mich verzweifelt fühle, fühlt sich ein anderer anders wie verzweifelt. Vielleicht ist das Gefühl von (sagen wir) Jenny nicht so stark ausgeprägt wie meins, deshalb erlebt ihr >Ich< die situative Verzweiflung nicht so intensiv wie ich. Das kann die Reaktion auf die gleiche Situation oder das gleiche Objekt sein. Das ist doch spannend, oder?
Gefühle sind also etwas Besonderes. Sie haben ihre Berechtigung und dürfen zugelassen werden. Da sie maßgeschneidert sind, liegt es an einem selbst, die Erlaubnis zum Fühlen / Sein zu geben. Denn nur man selbst kann sich den Schuh seiner Gefühle anziehen.
Wenn du den Schuh nicht anziehen willst….
Ja, was passiert dann? Da steht er nun, der maßgeschneiderte Gefühlsschuh à la Frustration. Er wartet darauf, dass du ihn endlich anziehst und auf das auslösende Ereignis oder die auslösende Situation reagierst. Der Schuh will, dass du durch ihn deine Umwelt einschätzen, sozial interagieren und dich endlich für etwas entscheiden kannst.
Aber du wehrst dich, ich verstehe. Wer würde das nicht? Manchmal ist der Alltag so stressig, dass man einfach keine Lust hat oder nicht kann. Man hat das Gefühl, der Schuh drückt zu sehr und es wird schmerzhaft. Also lässt man es. Und manchmal ist der bestimmte Schuh in der Gemeinschaft oder Kultur, der man sich zugehörig fühlt, verpönt und schambesetzt. Es gibt also viele verständliche Gründe, warum man den Schuh ablehnt.
Was passiert also, wenn man das Fühlen nicht zulässt? Wenn die Erlaubnis zum Fühlen nicht gegeben wird, können folgende Dinge passieren (dies ist nur ein kurzer Auszug):
- Psychosomatische Symptome (d.h. körperliche Auswirkungen): Wenn man sich z.B. eine Zeit lang weigert, den Frustrationsschuh anzuziehen, kann das Auswirkungen auf den Körper haben. Emotionale Unterdrückung – oder Schuhverweigerung 🙂 – kann das Immunsystem schwächen, zu Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Kopfschmerzen und vielem mehr führen.
- Psychische Symptome: Schuhverweigerung verhindert nicht, dass etwas drückt. Diese Gefühle bleiben im Inneren und belasten auf Dauer die Psyche. Angst, Stress, Depressionen und andere psychische Probleme können die Folge sein. Es ist eine enorme Kraftanstrengung, den Schuh abzulehnen, und diese Anstrengung kann zu Erschöpfung und Unzufriedenheit führen.
- Emotionale Instabilität: Unterdrückte Gefühle können sich auf ungesunde Weise entladen. Du lehnst den Schuh aus Frustration ab und diese Unterdrückung macht etwas mit dir. Da staut sich etwas in dir an, weil dein Fuß eigentlich endlich den Schuh anziehen will. Dieser Druck kann sich dann ungesund entladen, zum Beispiel in plötzlichen Wutausbrüchen, übermäßigem Weinen oder unerklärlichen Stimmungsschwankungen. Du wirst emotional instabil.
- Beziehungsprobleme: Die Schuhverweigerung führt letztlich auch zu Schwierigkeiten in allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das kann man sich kaum vorstellen, oder? Weil man denkt: Die Gefühle gehören mir, ob ich sie unterdrücke oder ignoriere, ist letztlich meine Sache. Aber jedes Ignorieren und Unterdrücken hat seinen Preis. Einer der „einfachsten“ Preise ist es, seine Gefühle nicht angemessen ausdrücken zu können. Das führt zu: Missverständnisse, Konflikte und Entfremdung.
Randnotiz: Es ist interessant, diese „Beziehungsprobleme“ bei Eltern zu beobachten. Denn Kinder sind wunderbare Spiegel unserer Gefühle. Wenn ich also – Mutter von zwei Kindern – den Frustschuh nicht anziehe und ihn ignoriere, zeigt mein Kind ihn so, dass ich ihn nicht mehr ignorieren kann. Wutausbrüche, so dass ich mich am Ende frustriert fühle. Mein Kind auch. Und eigentlich hatte mein Gefühl und der ganze Ausbruch überhaupt nichts mit meinem Kind zu tun.
Kinder ärgern Erwachsene also nicht, weil sie bösartig sind, sondern weil der innere Wunsch nach Zugehörigkeit (Stichwort: Gemeinschaftsgefühl) sie zur Mitmenschlichkeit drängt. Das Kind sieht einen vernachlässigten Schuh, zieht ihn selbst an (obwohl er ihm viel zu groß ist) und will mir damit helfen. Verdreht, oder? Nun, die Logik der Kinder passt sich erst mit der Zeit der verdrehten Logik der Erwachsenen an. 🙂
Wichtiger Hinweis zum Ausdruck von Gefühlen
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass der Ausdruck von Gefühlen nicht bedeutet, dass diese unkontrolliert ausgelebt werden sollten. Meine Freiheit geht nur bis zur Grenze der Freiheit des anderen. Oder wie Kant viel eleganter formulierte:
Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.
Zu einer gesunden Beziehung zu sich selbst gehört es, die eigenen Gefühle zu verstehen und zu akzeptieren und sie auf angemessene und konstruktive Weise auszudrücken, sei es durch Gespräche mit vertrauten Menschen, durch künstlerischen Ausdruck oder andere geeignete Methoden.
Wie drückt man Gefühle aus, die man mit niemandem teilt? Da ist jeder so individuell. Ich finde viele Möglichkeiten sehr spannend. Schreibe es in die Kommentare und vielleicht inspirierst du jemanden, der deinen Kommentar liest.
Fazit
Das Fazit ist also leider eindeutig, wenn auch nicht sehr überraschend. Gefühle zu unterdrücken, zu verleugnen, zu verdrängen oder zu ignorieren ist immer schädlich für uns selbst. Es hinterlässt (solange sie nicht verarbeitet sind) einen bitteren Nachgeschmack.
Wird der Gefühlsschuh nicht angezogen, kann dies körperliche Folgen haben, zu psychischen Belastungen (Angst, Depression, Stress, Unzufriedenheit, Erschöpfung) führen und emotionale Instabilität hervorrufen.
Gefühle haben eine Daseinsberechtigung. Sie dürfen da sein. Sie sind nicht „unsinnig“, „fehl am Platz“, „unangebracht“ oder „dumm“. Man fühlt, was man fühlt. Diese Gefühle müssen nicht einmal mit der Realität des Gegenübers übereinstimmen.
Beispiel: Jenny ist enttäuscht. (Ein sehr starkes Gefühl) Ihre Freundin sagt: „Es ist nichts passiert, was dich so fühlen lässt. Das ist Blödsinn und nicht realistisch.“
So etwas zu sagen, ist nicht nett und nicht einfühlsam. Es zeigt, dass Jennys Freundin Gefühle nur schwer aushalten kann. Gefühle sind individuell und dürfen sein. Sie haben ihren Platz und dürfen eine Weile da sein. Sie stellen keine Forderungen. „Ich bin enttäuscht“ bedeutet nicht: „Du bist der Grund für meine Enttäuschung, steh auf und mach es wieder gut.“ Wenn dein Gefühlsausdruck eine stille Forderung enthält, empfehle ich dir, dir die Gewaltfreie Kommunikation(*) von Marshall Rosenberg anzuschauen. Es ist nicht gut für die Kommunikation und die Bindung, so miteinander umzugehen.
Eine weitere Möglichkeit, Gefühle zu unterdrücken, ist (halte dich fest), alles positiv zu sehen. Erinnerst du dich an die „The Secret“-Welle? Nur positive Gedanken ins Universum zu schicken, damit dir auch nur positive Dinge passieren. Ich fand das damals schon unheimlich. Nun, es gibt einen Begriff dafür: toxische Positivität. Wenn man Gefühle herunterspielt oder gar nicht wahrhaben und sehen will. Kurz gesagt: Die eigene gefühlte Realität verleugnen. Und wozu das führen kann, hast du jetzt erfahren. Wenn du mehr über toxische Positivität erfahren möchtest, schreibe es in die Kommentare.
Schluss
So, jetzt hast du im Artikel gelernt, dass du deine Gefühle akzeptieren und zulassen sollst. Zieh den Schuh gleich an, habe Mut! Aschenputtel lief lange vor dem Schuh weg (sie sprach mit Tieren, um ihre Gefühle zu regulieren), erst als sie sich traute, den Schuh anzuziehen, besserte sich ihr Schicksal und sie konnte sich von ihren Ängsten und Depressionen (Stiefmutter und Stiefschwestern) befreien. Wenn du das Gefühl hast, dass du es nicht alleine schaffst, ist das okay. Alles wird gut. Aschenputtel hatte auch eine Therapeutin (die gute Fee).
Der 1. Schritt zur Emotionsregulation: Gefühle akzeptieren und zulassen. (Check)
Im nächsten Post geht es um den 2. Schritt: Gefühle benennen und erkennen .
Welche Gefühle spürst du in dir besonders stark, fühlst dich manchmal ihnen sogar ausgeliefert? Welches Gefühl spürst du gar nicht? Lass es mich in den Kommentaren wissen, es ist etwas tolles in Planung, das dir helfen wird die Gefühle besser zu verstehen.
Ich wünsche dir alles Gute
Merve


Vielen Dank für diesen informativen Artikel! Es liest sich mit einer Leichtigkeit, obwohl das Thema einem auch nahe gehen kann, weil an der ein oder anderen Stelle der eigene Umgang mit Emotionen reflektiert wird.
Vielen herzlichen Dank für das Feedback!
Danke für das Feedback. Der Umgang mit Emotionen kann einem Nahe gehen, das ist völlig in Ordnung. Das macht uns zum Menschen ☀️
Danke für den inhaltlich gut aufgebauten Text. Toxische Positivität wäre ein sehr interessanter Artikel, den ich gerne hier lesen möchte.
Danke für das wertvolle Feedback. Toxische Positivität ist wirklich ein sehr spannendes Thema ☺️