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Angst ist eine der grundlegenden Emotionen im Gefühlsrepertoire eines jeden Menschen. Als Emotion hat sie viele Komponenten. Jeder Mensch empfindet Angst, sie ist eine universell empfundene seelische Verwirrung. Wie die Angst empfunden wird und welchen Platz sie im Herzen einnimmt, bestimmt den Grad der Verwirrung.

Gefühle haben Macht über uns, wenn wir sie ignorieren oder nicht verstehen wollen. Die „Angst vor der Angst“ ist ein realer Zustand. Und ich glaube, dass man nur das Unbekannte fürchten kann. Um uns also zu ermächtigen, wollen wir uns in diesem Artikel ansehen, was die Angst zu sagen hat. Um die Angst besser zu verstehen.

Die Angst

Angst ist ein quälendes Gefühl der Furcht vor potentiellen Gefahren. Dabei spielt es keine Rolle, ob die potentielle Gefahr definiert ist oder nicht. Alles kann vom Ängstlichen als gefährlich bewertet werden.

Angst in ihrer reinen Form hat also eine ungeheure Kraft, die einen zum Handeln zwingt. Diese Handlungen sehen zum Beispiel so aus wie in dem Modell: Fight-Flight-Freeze-Fawn ( zu Deutsch: Kampf- Flucht – Schockstarre – Zusammenarbeit mit dem Missbrauer). Die auf Hochtouren laufende Angst nimmt keine Rücksicht auf Konventionen, soziale Spielregeln oder andere Gefühle im Selbst.

Die Angst ist ganz auf das Überleben ausgerichtet. Todesangst ist dann der Zustand, in dem viele nicht mehr rational denken und handeln können.

Bewertung der Angst

Bei dem Versuch, Angst zu bewerten bzw. differenziert zu betrachten, stößt man auf die Begriffe rationale und irrationale Angst.

Die rationale Angst

Der Begriff „rational“ leitet sich vom lateinischen Wort „rationalis“ ab, was „vernünftig“ oder etwas poetischer „auf Vernunft beruhend“ bedeutet.

Für die antiken Philosophen Aristoteles und Platon war die „ratio“ (Vernunft, Methode, Denkvermögen, Überlegung) der Dreh- und Angelpunkt ihrer Philosophie.

Aristoteles war der Ansicht, dass Angst eine wesentliche Emotion ist, die uns vor möglichen Gefahren im Leben warnen soll. Angst soll also unser Überleben sichern.

Für Aristoteles ist die Vernunft mit der Tapferkeit verbunden. Der Mensch steht vor der großen Aufgabe, sich seiner Vernunft zu bedienen, den Gefahren mutig zu begegnen und eine angemessene Furcht zu empfinden.

Dabei unterscheidet er die Begriffe Feigheit (übermäßige Furcht) und Tollkühnheit (mangelnde Furcht). In der Mitte steht die vernünftige Furcht.

Ein tugendhafter Mensch ist nach Aristoteles derjenige, der eine ausgewogene Haltung hat und somit vernünftig und mutig handelt.

Die irrationale Angst

Mit der Erklärung, wie ein „tugendhafter Mensch“ handeln sollte, stehe ich nun vor dem Gegenteil, der irrationalen Angst. Das ist vielleicht ein bisschen wertend, aber die Aussage über die irrationale Angst soll keine Wertung sein, sondern eine Differenzierung.

Irrationale Angst ist eine übermäßige und unbegründete Reaktion auf Situationen oder Objekte, die objektiv keine oder nur eine geringe (oft mit Mut überwindbare) Gefahr darstellen. Ihr Hauptmerkmal ist, dass sie das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen. Sie beeinträchtigen das Wohlbefinden der ängstlichen Person erheblich.

So kann sich irrationale Angst zeigen:

  1. Unverhältnismäßige Reaktionen, bei denen die Intensität der Angst in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr/Bedrohung steht.
  2. Übertriebene Ängste, die auf einer verzerrten Wahrnehmung der Gefahr beruhen.
  3. Hartnäckigkeit: Auch wenn die ängstliche Person erkennt, dass ihre Ängste unbegründet sind, verschwinden sie nicht ohne weiteres.
  4. Vermeidung aller Situationen oder Objekte, die die Angst auslösen
  5. Beeinträchtigung des täglichen Lebens, sei es im Alltag, im Beruf, im sozialen Bereich oder in anderen Lebensbereichen. Hier beeinträchtigt die Angst das normale Funktionieren.

Beispiele für irrationale Angst sind Phobien, das generalisierte Angstsyndrom oder Panikstörungen.

Ursprung der Angst

Alfred Adler beschreibt Angst als Ausdruck einer feindseligen Haltung des Menschen gegenüber seiner Umwelt. Angst kann sich sowohl auf die Innenwelt als auch auf die Außenwelt richten. Darüber hinaus erstreckt sie sich auf „alle Beziehungen des menschlichen Lebens“ (Alfred Adler Menschenkenntnis).

Der Ursprung der Angst liegt im Minderwertigkeitsgefühl und kann daher nur durch das Gemeinschaftsgefühl überwunden werden.

„Aufgehoben kann die Menschenangst nur durch das Band werden, welches den Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpft. Nur der wird ohne Angst durchs Leben gehen können, der sich seiner Zugehörigkeit zu den anderen bewußt ist.“
Alfred Adler in Menschenkenntnis

Auswirkungen von Angst

Nach Alfred Adler kann Angst folgende Auswirkungen auf dein Leben haben:

Merkmale ängstlicher Menschen

Adler beschreibt den Typus des „ängstlichen Menschen“ recht ausführlich.

Ein ängstlicher Mensch denkt mehr an sich selbst und hat daher wenig für seine Mitmenschen übrig. Jede Veränderung der gewohnten Situation kann Angst auslösen. Diese ängstliche Haltung verlangsamt das Lebenstempo und der ängstliche Mensch findet alle möglichen Vorwände und Ausreden, um die neue Situation zu vermeiden.

Für den ängstlichen Menschen ist die Angst ein Schutz vor den Schwierigkeiten des Lebens. Da er nun „unfähig“ ist, kann er sich noch mehr in die Angst hineinsteigern und hat nun die perfekte Sicherheit, sich dem Leben nicht so bald stellen zu müssen.

Für viele Menschen dieses Typus bedeutet das eigentlich nur, dass sie jemanden brauchen, der sich um ihre Angelegenheiten kümmert und den angstbesetzten Teil mit Verantwortung übernimmt.

Wir kreieren uns also die Angst selber, um einen Nutzen zu haben. Der Nutzen der Angst ist es, möglichen Niederlagen aus dem Weg zu gehen.

Schüchternheit

Für Adler ist Schüchternheit eine harmlosere, aber beachtenswertere Form der Angst. Die Schüchternheit ermöglicht es dem Schüchternen, den Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden oder sogar abzubrechen.

Er begründet dies mit Minderwertigkeitsgefühlen und dem Glauben, „anders“ zu sein. Leider hindert dieser Glaube den Schüchternen daran, Anschluss zu finden.

Jetzt lasse ich aber die Angst zu Wort kommen… Wenn sie sich traut 🙂

Wenn die Angst zu Wort kommt…

Ich: Hallo? Ist da jemand? Warum ist das Sofa plötzlich in der dunkelsten Ecke?

Angst: Ist es wirklich in der dunkelsten Ecke dieses Zimmers? Ich bin nur so viel da, wie du mir Platz gibst.

Ich: Ja, das ist es. Du scheinst verwirrt zu sein. Normalerweise nehmen sich meine Gefühle, was sie denken, was ihnen zusteht.

Angst (achselzuckend): Emotionale Verwirrung ist ein Teil von mir. Gehört zu meinem Wesen.

Ich: Warum bist du hier auf meinem Sofa, Angst?

Angst: Weil du in deinem Lebensraum begrenzt bist. Durch Grenzen, die nicht wirklich da sind, aber das können wir nicht genau wissen, oder? Verwirrung und Vorsicht können uns am Leben erhalten, deshalb bin ich hier.

Ich: Du bist sehr kryptisch. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Aber wenn du es so sagst, fühle ich mich wirklich „gefangen“ oder wie in einer Falle, wenn ich nur daran denke, dass er mich verlassen könnte.

Angst: Genau, dein absolut einzigartiger Partner, wenn er uns verlässt, sind wir so arm dran. Ich bin zu Recht hier, verstehst du? Würdest du mich bitte in die Mitte des Raumes bitten, damit wir die Sache gut beleuchten können.

Ich: Oh natürlich, bitte komm näher. Und sprich bitte weiter. Ich bin so verzweifelt, ich glaube, ich sterbe, wenn er mich verlässt. Deshalb tue ich alles, was in meiner Macht steht, damit das nicht passiert. Dabei habe ich mich völlig vernachlässigt und den Kontakt zu mir selbst verloren.

Angst: Oh ja, da ist auch die Unzufriedenheit, die gehört auch zu meinem Team. Du brauchst den Kontakt zu dir nicht, können wir dir vertrauen? Schau, in welche Lage du uns gebracht hast. Er könnte uns verlassen, verstehst du überhaupt den Ernst der Lage?

Ich: Oh Mann… Wenn du das so sagst… Kann ich mir denn überhaupt trauen?

Angst: Gut. Wir verabschieden uns von deinem Selbstvertrauen, denn du hast endlich erkannt, dass du zu nichts fähig bist und nur Schutz brauchst. Ich gebe dir die Freiheit, die du zum Überleben brauchst.

Ich: Wie? Du versprichst mir Freiheit?

Angst: Klar, mit mir hast du ein Leben ohne Anstrengung und ohne Ziele.

Ich: Ein Leben ohne Anstrengung klingt verlockend. Aber wie soll ich überleben?

Angst: Super, endlich ist auch die Unsicherheit da. Wurde aber auch Zeit!

Unsicherheit: Ich mag es, wenn du mir schon mal den Platz warm machst.

Ich: Oh, hallo Unsicherheit, also werde ich überleben?

Unsicherheit: Klar, du und ich, wir geben alle unsere Macht an deinen Partner ab, weil er fähiger und höher ist als du.

Angst: Genau, deine persönliche Macht hat sich als Illusion erwiesen. Du musst dich von jemand anderem beschützt fühlen, denn du kannst nicht auf dich selbst aufpassen, meine Liebe. Lehn dich an deinen Partner.

Ich: Nichts für ungut, aber ich glaube, wir drehen uns im Kreis. Du bist hier, weil ich Angst habe, dass er mich verlässt.

Angst: Ist das ein Versuch vernünftig zu sein?

Vernunft kommt herein…

Vernunft: Hat mich jemand gerufen?

Angst, Unsicherheit und Verwirrung zucken zusammen.

Ich: Oh hallo Vernunft. Kurz zusammengefasst: Ich bin voller Traurigkeit, fühle mich völlig erschöpft, verängstigt, eingeengt, gefangen. Ich habe kein Vertrauen in meine Fähigkeiten und eine Heidenangst davor, dass mein Partner mich verlässt.

Vernunft: Ja, das habe ich mir schon gedacht, als ich die Angst und Unsicherheit auf deinem Sofa gesehen habe. Dieses Gefühl und dieses Denkmuster kennst du doch aus deiner Kindheit, oder?

Ich: Oh ja, ich erinnere mich.

Vernunft: Du hast die Freiheit zu entscheiden und zu unterscheiden, was gut für dich ist. Dazu brauchst du nicht in den Lebensraum deines Partners einzudringen. Du kannst die Aufgaben des Lebens nach eigenem Ermessen meistern und wirst dann feststellen, dass du mit deinen Mitmenschen im Einklang bist.

Angst: Ach was, hör nicht auf diesen Klugscheißer, wie willst du deine Erwartungen erfüllen. Alles, was sein könnte… was nicht sein könnte… du bist dem völlig ausgeliefert.

Ich: Ich habe das Gefühl zu ersticken. Am liebsten wäre es mir, du würdest gehen Angst.

Vernunft: Dein Gefühl zu ersticken zeigt eigentlich, dass du bewusst oder unbewusst deinen Partner und deine Mitmenschen erstickst.

Angst: Nun, dass ich jemanden und andere ersticke, lasse ich mir nicht vorwerfen. Ich warne dich nur. Ich will doch nur dein Bestes.

Ich: Und was ist mein Bestes?

Angst: Wenn du dich von mir erfüllen lässt und alle Verantwortung für dein Leben abgibst.

Vernunft: Jetzt mach mal halblang, Angst. Es gibt keine wirkliche Bedrohung. Es gibt keinen konkreten Grund, warum du hier sein solltest. Du bist hier, weil ICH in ihrer Kindheit Verlassensängste, den Verlust der Liebe eines geliebten Menschen oder Leid erfahren hat. ICH ist jetzt in einer Situation, in der das Unbewusste ihr ein Warnsignal gesendet hat, dass sie das Gleiche wieder erleben könnte. Nur deshalb bist du hier, gib es endlich zu.

Angst: Meine Güte, bist du pedantisch. Ja, genau deshalb bin ich hier. Das Unbewusste ist mein Auftraggeber.

Ich: Oh Mann, du kannst jetzt wirklich gehen, Angst. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin erwachsen und löse meine Probleme genau so: wie ein Erwachsener.

Angst und Unsicherheit und Verwirrung gehen mürrisch.

Vernunft ruft Unterscheidungskraft, Mut und Vertrauen in den Raum.

Vertrauen: Bitte glaube an uns. Du musst dich selbst respektieren.

Mut: Und bitte lass deinen Partner in seinen eigenen Lebensraum. Er soll aus freien Stücken bei dir bleiben und nicht, weil du ihn dazu zwingst.

Unterscheidungskraft: Du kannst alle Schuldgefühle aus deinem Leben verbannen, du bist gut so wie du bist.

Ich: Ich bin so bewegt, danke. Ich habe die Macht über mein Leben und meine Entscheidungen, das verstehe ich jetzt. Und dank euch vertraue ich mir selbst und weiß jetzt, dass das Leben mir alles gibt, was ich brauche.

Verstand: Akzeptierst du das auch?

Ich: Ja, ich akzeptiere es von ganzem Herzen und ich weiß, dass ich es verdiene.

Ende?

Ist das das Ende der Angst? Ich glaube nicht. Sie gehört zu unserem Repertoire und das ist gut so. Sie darf sein und hat auch ihre Berechtigung.

Wichtig ist, wie wir mit ihr umgehen und welche Mittel wir dafür einsetzen. Die im Dialog genannten: Vernunft, Mut, Unterscheidungskraft und Vertrauen sind die Grundpfeiler – denke ich.

Also frage dich selbst, wenn du Angst hast:

  • Was ist gerade in meiner Situation, in der ich mich bedroht, eingeengt, erdrückt oder verwirrt fühle?
  • Was will mir die Angst sagen?
  • Woher kenne ich dieses Gefühl aus meiner Kindheit?
  • Ist die Angst real oder irrational?

Ich freue mich, wenn dieser Artikel dir etwas gebracht und dich zum Nachdenken angeregt hat. Teile deine Gedanken dazu mit mir. Wovor hast du am meisten Angst? Wie gehst du mit deiner Angst um?

Bis zum nächsten Mal

Die Tiefenpsychologin

  • Ich habe den Artikel gerade gelesen und finde ihn wirklich sehr sehr hilfreich. Ich frage mich, wie man als Außenstehende Person damit umgehen soll, wenn zB. der Partner Angst hat und man selbst darunter leidet. Was würden Sie da empfehlen?

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